Alles an dieser Frau ist Statement. Ihre Front-Position bei einer der einflussreichsten Rock-Bands der 80er und 90er Jahre. Ihre öffentliche Persona als Künstlerin, Sex-Symbol, Feministin und Mutter. Und ihre Musik.

Unter rein songschreiberischen Prämissen waren Kim Gordons Beiträge zum Werk des ikonischen New Yorker Quartetts Sonic Youth die schwächsten. Was melodische Raffinesse, Stringenz und gewitzte Song-Strukturen - auch deren De- und Neukonstruktion - anging, konnten Gordons Kompositionen nicht mit denen ihres langjährigen Lebenspartners Thurston Moore mithalten, mit dem sie eine trügerische Existenz als Vorzeige-Künstler-Paar (mit gemeinsamer Tochter) führte, deren Ende 2011 zugleich auch das Schicksal der Band besiegelte.

Doch es waren Gordons Stücke, die thematisch die meiste Beachtung fanden und die eifrigsten Diskurse auslösten: In "Kool Thing" unterzieht sie einen ziemlich sprachlosen Chuck D. einer hochnotpeinlichen Befragung, wie es Hip-Hop-Elefanten (wie Public Enemy) denn so mit weiblicher Emanzipation halten. "Tunic (Song For Karen)" ist als Hommage an die an Magersucht verstorbene Sängerin Karen Carpenter gleichermaßen eine Bestandsaufnahme wie auch Anklage des Perfektionswahns im amerikanischen Showbusiness. "Litte Trouble Girl" spielt mit Mädchen-Pop- und Riot-Grrrl-Klischees, mit denen sich Gordon als selbstbewusste Rock-Frontfrau unvermeidlich auseinandersetzen musste.

Kim Gordon kommt von der Bildenden Kunst. In diesem Sinn ist auch ihr musikalisches Schaffen stark mit Zeichen konnotiert. Und wie sie unlängst dem "Deutschlandfunk" verriet, schreibe sie gerne Songs, "indem ich mehrere Tonspuren übereinanderlege. Dazu muss man kein Musiker sein, es hat eher was von Punk-Rock".

Dieser spezielle Zugang zur Musik kommt in Gordons erstem Soloalbum, das sie nun im Alter von 66 Jahren veröffentlicht hat, noch stärker heraus als in ihrer Arbeit mit Sonic Youth oder auch in den Gitarrenimprovisationen, die sie danach mit Bill Nace unter dem Namen Body/Head gemacht hat und die entfernt der Musik ähnelten, die Sonic Youth abseits ihrer Pop-Produktion auf ihrem eigenen Label herausgebracht haben.

Gordon, die in ihrer Autobiografie "Girl In A Band" (2015) mit ihrer als problematisch empfundenen Vergangenheit ins Reine zu kommen versucht hat, lebt heute wieder in ihrer Geburtsstadt L.A. Aus dem mehrdeutigen Titel ihres Solodebüts, "No Home Record", ließe sich allerdings unter anderem herauslesen, dass sie dort noch nicht richtig Wurzeln geschlagen hat. Längere Zeit hat sie denn auch in einer Airbnb-Wohnung Quartier bezogen. Dem Vernehmen nach ist der LP-Titel aber in erster Linie eine Reminiszenz an Chantal Akermans letzten Film, "No Home Movie".

Zügellosigkeit

Auf jeden Fall als programmatisch kann der Album-Opener, "Sketch Artist", gewertet werden: Schnipsel und Fragmente collagiert Gordon in größerenteils harsche, manchmal minimalistische Soundscapes. Der Auftakt führt das recht beispielhaft vor: Eröffnet von in zweierlei Hinsicht etwas verstimmt klingenden Streichern, schlittert das Stück in ein veritables Unwetter aus Getrommel, tiefem Gewummer und Geknatter. Darüber reiht Gordon - mit einer Aufregung, die klingt, als mache sie sich über sich selbst lustig -, suggestive Satzfetzen scheinbar wahllos aneinander: "And the wind chimes strike / your dead stare strikes."

Die Kürzelhaftigkeit ihrer Sprache behält Gordon über das ganze Album bei. Das klingt bisweilen, etwa in "Cookie Butter", recht sexy und generiert anderenorts, wie in "Airbnb", eine Ambivalenz, die man nicht notwendigerweise mögen muss.

Nicht einmal die Hälfte der neun Tracks entspricht dem, was man landläufig unter einem Song versteht. Dabei aber mutet die Art, wie hier die Versatzstücke unterschiedlichster Musiksprachen auf engstem Raum zusammengepfercht werden, fast provokant mühelos an: Von rabiatem Trümmer-Blues über seltsame Loops mit Minimal-Music-Anmutung, Hip-Hop-Beats und unheilvollem Gefrickel bis zu sattem Distortion-Rock blitzt hier alles Mögliche und Unmögliche kurz auf, um alsgleich wieder in dieser Wunderkammer der Zügellosigkeit abzutauchen.