Diese Band ist mit schier überbordender kreativer Energie ausgestattet. Nur so lässt es sich erklären, dass Big Thief (nach dem im Mai erschienen "U.F.O.F.") mit "Two Hands" bereits ihr zweites Studioalbum im Kalenderjahr 2019 veröffentlichen. Die Formation um Sängerin Adrianne Lenker (Buck Meek, Max Oleartchik, James Krivchenia ergänzen das Quartett) scheint mit jedem Album zu wachsen und überrascht nun mit einem unerwarteten Richtungswechsel.

Die Erwartungshaltungen werden war nicht zertrümmert, aber mit Stil und Charme gekonnt unterlaufen. Den Folkrock-Entwurf von Big Thief prägten drei Alben lang vor allem mystische Bilder, introspektive Gedanken und märchenhaft-bizarre Texte, die Adrianne Lenker mit introvertiertem Gesang und verletzlicher Anmut zum Leben erweckte. Aufgenommen auf einer alten Farm in Texas, überrascht die Band aus Brooklyn mit forscheren Klängen und expliziten Texten.

Die sanftmütig-verhuschte Songwriter-Innerlichkeit wich zupackendem Power-Folkrock, der in den Texten aktuelle Fragen wie den Klimawandel, die Umweltzerstörung, die Macht der sozialen Medien und die Ohnmacht der Individuen thematisiert. Die Veröffentlichungen von Big Thief gleichen mehr und mehr spielerisch-leichten, aber immer eindringlich bezwingenden Versuchen, die Ausdrucksmöglichkeiten moderner Folk- und Rockmusik im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne zu erforschen. Das ist einerseits Musik der Gegenwart und nahen Zukunft, bleibt aber tief verwurzelt im Folkrock der 1960er- und 70er-Jahre.

Auf keinem ihrer bisherigen Alben waren Dringlichkeit und Sanftheit sowie intime Nähe und mächtige Sounds so eng gepaart wie auf "Two Hands", das mit Erhabenheit ohne Pathos, Pop-Appeal mit einem Touch Schwermut und klassischer Bodenständigkeit mit zeitgemäßem Klangbild überzeugt. Wir hören zehn Songs ohne Fehl und Tadel - eingängig wie "Not", "Forgotten Eyes" und "Shoulders" oder anmutig und zerbrechlich wie "Those Girls", "Cut My Hair" und "Rock And Sing".