Zuletzt hat es der Altmeister seinen Jüngern wieder einmal nicht ganz einfach gemacht. Die Qualitätsschwankungen im Output der 2010er Jahre waren auch aufgrund der veröffentlichten Unmenge beträchtlich, eine zunehmend von Altersstarrsinn gekennzeichnete Eigentümlichkeit im Grenzbereich der immer schon zentralen Protestnote hin zum latenten Wutbürgertum nicht ganz von der Hand zu weisen. Und auch, dass sich Neil Young im ewigen Unruhestand immer wieder und sehr gerne ordentlich eingepofelt hat, mag dafür mitverantwortlich sein, dass seine Musik, nüchtern betrachtet oder nicht eingepofelt gehört, die Spur zu sehr neben der Spur, also schlichtweg zu schrullig war.

Künstlerisch ist es daher bereits auf dem Papier zu begrüßen, dass sich der bald 74-Jährige nach sieben Jahren des Abstandhaltens wieder mit seiner Band Crazy Horse zusammengetan hat, um sich in vertrautem Setting womöglich alten Gewohnheiten hinzugeben. Immerhin hat man nicht nur als treue Kundschaft ein Anrecht darauf, dass alles bleibt, wie es früher war. Auch Crazy Horse selbst sind bekanntlich dagegen, mit nach der "Traumschiff"-Titelmelodie klingenden Streicherarrangements oder gesampelten Tiergeräuschen zu experimentieren wie Neil Young "solo" oder mit seiner Crazy-Horse-Ersatzformation Promise Of The Real auf Alben wie "Storytone" (2014) oder dem nachjustierten Live-Album "Earth" (2016).

Neil Youngs Begleitband aus vergangenen Schlachten besteht nach wie vor aus den also gleichfalls schon immer ein wenig altersstarrsinnigen Kollegen Ralph Molina am Schlagzeug und Billy Talbot am Bass. Nur anstelle von Frank "Poncho" Sampedro, der mittlerweile die verdiente Pensi genießt und auf Hawaii lieber schnorchelt, würgt derzeit Nils Lofgren die Gitarre, der im Neil-Young-Umfeld erstmals im zarten Alter von 19 Jahren auf dem Album "After The Goldrush" von 1970 zu hören war.

"Colorado"-Albumcover.
"Colorado"-Albumcover.

Wie der am kommenden Freitag erscheinende neueste Streich mit dem Titel "Colorado" (Warner) in Nachfolge von "Psychedelic Pill" (2012) erklärt, mag man gemeinsam mit der Hörerschaft in der Zwischenzeit zwar etwas älter, grauer und kahler geworden sein, während man das eine oder andere Honorar oder Monatsgehalt für ein strahleweißes Kukidentlächeln beim Zahnarzt gelassen hat. Beim Erklingen des ersten Schlurf- und Schluderriffs, das sich wie bei frühen Proben drüben in Dads Garage anhört, blüht die heutige Generation der Rock-Grandpas allerdings im Handumdrehen wieder auf. Ralph Molina macht tschinbum - und altes Herz wird wieder jung.

Inhaltlich und musikalisch geht es zum Auftakt eher nachdenklich und introspektiv zu. Neil Young bereitet uns mit dem alten Grandpa-Spruch "Think Of Me" ("Denkt’s an mi!") auf eine nahende Zukunft vor, in der er uns nicht mehr mit Trost und Rat zur Verfügung wird stehen können - außer als auf Platte gepresstes Echo von seinerzeit. Die Mundharmonika hat den Blues, das Honky-Tonk-Klavier läutet die Sperrstunde ein, Crazy Horse fahren mit sanften Stoßseufzern in den Himmel.

Schon bei Stück Nummer zwei aber bleibt alles anders - und Crazy Horse erklären mit dem gleichfalls im Blues wurzelnden, knapp 14-minütigen "She Showed Me Love" und seinem Eins-a-Einpofelsound nicht nur, dass hier das tatsächlich beste Neil-Young-Album seit Jahren ansteht. Sie dringen unter Regie ihres Chefs auch inhaltlich wieder zu alten, heute aus Gründen sanft upgedateten Inhalten vor. Der Umweltaktivist und Öko-Hippie Neil Young singt jetzt explizit gegen alte weiße Männer, die die Erde zerstören - und für die Jugend, die sie retten will. Der Name Greta Thunberg kommt ebenso wie der Name Donald Trump nicht vor, aber man weiß in jedem Fall, von wem gerade die Rede ist.

Pro leiwand, contra oasch

Im übrigens nicht als Kommentar zu den österreichischen Sondierungsverhandlungen zu verstehenden "Green Is Blue" geht es um verpasste Chancen wider besseres Wissen, also die Dummheit im Allgemeinen und die Dummheit der Spezies Mensch im Speziellen: "We heard the warning calls / Ignored them / We watched the weather change / We saw the fires and floods." Untergangs- und Errettungsfantasien, wie man sie auch in "Shut It Down" hören kann, in dem Neil Young in einer Art Brandrede für einen kompletten Neustart nach dem Systemabsturz plädiert: "People try to save this earth from an ugly death!"

Mit "Rainbow Of Colors" wird es dann auch noch hymnisch, feierlich und umarmend. Neil Young tritt für den Zusammenhalt und gegen die Spaltung ein, er ist sozusagen pro leiwand und contra oasch. Letzteres wird das Leben sowieso irgendwann. In den Liedern abseits des Themas Mutter Erde legt es der Songwriter persönlich an. Mit gewohnt brüchiger Stimme heißt es bei "Olden Days" in glühender Stromgitarrenumrahmung über den Herbst des Lebens: "Where did all the people go? Why did they fade away from me?" Schöne Platte.