Es hat manchmal seine Vorteile, als Griesgram mit Tonnen von historischen Verdiensten auf dem altersgebeugten Buckel durch das fröhlich-gedankenlose Pop-Business zu schlurfen. Zum Beispiel, dass man sich einen Dreck um Firlefanz wie Veröffentlichungsstrategien schert: Soeben bringt Van Morrison mit "Three Chords And The Truth" seine siebente Platte in sechs Jahren (!) heraus. Nicht eingerechnet die 3-CD-Kompilation "The Authorized Bang Collection" von 2017, die jene legendären 31 Songs/Skizzen enthält, mit denen Van Morrison 1967 einen Knebelvertrag mit Bang Records erfüllte und deren "Unsinnigkeit" die Plattenfirma seinerzeit empörte.

Morrison singt dabei zur alleinigen Begleitung einer akustischen Gitarre so epochale Lyrik wie "Ich sehe es deinem Gesicht an, dass du Ringelflechte hast. Es tut mir leid, dass ich dir sagen muss, dass du Ringelflechte hast. Das ist eine sehr gewöhnliche Krankheit. Ich sage dir, du hast viel Glück, dass du Ringelflechte hast, denn du könntest auch etwas anderes haben" ("Ring Worm").

Nach Marketing-Logik veröffentlicht Van Morrison, 1945 in Belfast geboren, also viel zu viel in viel zu kurzer Zeit. In allerjüngster Vergangenheit - das meint die vier Platten in den letzten zwei Jahren - waren das weitgehend Huldigungen an die Musik, mit der er aufgewachsen ist: Blues, Soul, Rhythm & Blues, Jazz, gleichermaßen hochkarätig wie auch ziemlich routiniert exerziert an originalem Liedgut u.a. von Solomon Burke, Willie Dixon, John Lee Hooker, Sam Cooke, Cole Porter oder Bo Diddley, und ergänzt um Eigenkompositionen, mit denen Morrison seine Verwurzelung in dieser Musik demonstrieren wollte und manchmal, wie in "Ain’t Gonna Moan No More", auch textlich ihren Protagonisten Reverenz erwies.

Gleichwohl waren es die Songs, denen Morrison seinen persönlichen Stempel stärker aufdrückte, die in diesen Roots-Projekten herausragten. Der Titelsong seines letzten Albums, "The Prophet Speaks", eine Ballade mit gefühliger Jazz-Trompete und klassizistischer Gitarre über einer sumpfigen Hammond-Orgel, erhebt sich dabei fast auf das Level seines Opus Magnum "Astral Weeks".

Mächtig grollend

"Three Chords And The Truth", Van Morrisons solistisches Opus Nr. 41, ist grundsätzlich ebenfalls recht traditionsaffin: "Early Days" zum Beispiel ist sowohl musikalisch als auch inhaltlich eine Hommage an den ursprünglichen Rock ’n’ Roll und beklagt, dass Menschen (heutzutage) keine Seele mehr haben. Die Ballade "Up On Broadway" zeichnet in Zeitlupentempo mit getragener Orgel und gedämpfter Gitarre ein nostalgisch-unrealistisches Bild von New Yorks Theaterstraße als Sehnsuchtsort. "Nobody In Charge" demonstriert als bläserverstärkter Shuffle, wie die Pensionistenversion jenes agitierten R&B der Gruppe Them klingt, mit der Van Morrison in den mittleren 60ern zu Ruhm gekommen ist. Wenn Morrison indes auf die "Days Gone By" anstößt, dann appelliert er auch, nicht in der Vergangenheit zu verharren, sondern sich weiterzuentwickeln.

13 von 14 Songs auf "Three Chords And The Truth" sind Morrison-Originale, einer, das wunderschöne "If We Wait For Mountains", ist ein Co-Write mit dem britischen Textdichter Don Black, der u.a. an James-Bond-Soundtracks beteiligt war, mit Andrew Lloyd-Webber gearbeitet und Udo Jürgens’ "Warum nur, warum" zu "Walk Away" transformiert hat. Verglichen mit den Vorgängern klingt das Album wesentlich poppiger, energetischer und unmittelbarer an die Hörerschaft gerichtet. Morrison interpretiert hier nicht nur, er erzählt: Von der Korrumpierbarkeit und inneren Verarmung des Menschen durch Ruhm in "Fame Will Eat The Soul", einem Duett mit einem mächtig grollenden Bill Medley von den Righteous Brothers. Von Depression im magischen, genial nuanciert intonierten "Dark Night Of The Soul". Von den Prämissen des Musikmachens im Titelstück. Oder von gefährlichen, undurchschaubaren Verführern und Manipulierern in "You Don’t Understand".

Wenn Van Morrison hier singt: "I’m only one man you don’t
understand",
dann belegt das einmal mehr einen abgründigen Humor, der so überhaupt nicht zur öffentlichen Persona dieses Mannes zu passen scheint.