Keine Angst vor globalisierten Zeiten: Branco. - © Joana Linda
Keine Angst vor globalisierten Zeiten: Branco. - © Joana Linda

Ganz in Weiß betrat Cristina Branco am Dienstagabend die Bühne des Wiener Konzerthauses. Ein Stoff gewordener Hinweis auf ihr neues Album: "Branco" heißt es und rückt nicht nur die portugiesische Sängerin ins Zentrum. In ihrer Landessprache bedeutet das Wort "Weiß" - also jene Farbe, die genau genommen keine ist, sondern die Summe aller Farben. Eine hübsche Parallele zu Brancos Ausrichtung: Nach Erfolgen im traditionellen Fach des Fado geht es ihr heute verstärkt um Vielfalt. Die "Wiener Zeitung" hat die 46-Jährige vor dem Soundcheck getroffen.

"Wiener Zeitung":Vorweg eine alte Frage zu Lissabon: Wie unterscheidet man ein echtes Fado-Lokal von einem Touristen-Schuppen?

Cristina Branco:Das ist schwer, weil sie mehr oder minder gleich aussehen. Auch ich gehe manchmal in die Lokale für Touristen, weil Freunde dort singen.

Also sind Touristenlokale gar keine so schlechte Wahl?

Richtig. Aber es gibt dort einen fixen Zeitplan. Das ist eine Verfälschung gegenüber authentischen Lokalen. Dort isst man, dann beginnt vielleicht jemand zu singen, ganz spontan. Dadurch kann es dir aber auch passieren, dass du an einem Abend gar keinen Fado hörst.

Ist das Repertoire des Fado abgeschlossen -wie das der Klassik?

Das ist Gegenstand einer langen Diskussion. Für den traditionellen Fado stimmt es. Du kannst aus 180 Musikstücken wählen, dabei lassen sich viele von ihnen mit verschiedenen Texten singen. Das ist der herkömmliche Fado. In der heutigen Welt hört man aber auch die Meinung, dass sich der Fado weiterentwickeln muss. Ich sehe das so. Die Welt ist geschrumpft, wir sind näher zusammengerückt, leben mit Menschen aus Marokko und anderen afrikanischen Ländern, erhalten neue Einflüsse. Wir dürfen uns davor nicht fürchten, sondern sollten es akzeptieren.

Sie haben nun zwei Alben abseits des traditionellen Fado herausgebracht und sich dafür Lieder von jungen portugiesischen Musikern schreiben lassen. Warum?

Weil ich eben glaube, dass sich Fado entwickeln sollte. Außerdem brauchte ich frisches Blut für meinen Klang. Davor fühlte ich mich so, als würde ich in einem Schnellzug sitzen, an dem die Außenwelt vorbeirast; ich habe gearbeitet, ohne zum Nachdenken zu kommen. Also hielt ich an und grübelte nach. Ich finde, das Leben eines Menschen sollte sich entwickeln und dabei seinen Weg finden. Ich war an einen Wendepunkt gekommen. Dann begann ich, mit jungen Portugiesen aus dem Indie-Bereich zu arbeiten. Ihre Musik ist nicht so fern von der Moll-Tonalität des Fado, auch etwas launenhaft. Es stellte sich heraus, dass ich damit den Zaubertrank gefunden hatte. Diese Musiker verstehen, was ich tue, und ihre Songs sind heutig.