Es gibt nicht viele Gründe, um älter sein zu wollen, als man ist. Das Geburtsdatum der persönlichen Lieblingsmusiker ist aber ein gewichtiger. Besonderes Pech, wenn die Idole eine Generation älter sind. Nicht nur, dass man zur Glanzzeit seiner Helden in Abrahams Wurstkessel schwamm. Falls man seine Stars im Rahmen einer Comebacktour doch noch sieht, haben sie sich womöglich in Karikaturen ihrer selbst verwandelt. Die schönen Spitzentöne von einst? Nur noch gekrächzt. Das legendäre Gitarrensolo? Naja.

Jeff Lynne erspart seinen Fans solchen Kummer. Die Stimme und Ikone hinter dem Electric Light Orchestra (ELO), einem Stadionfüller der 70er und 80er, legt bereits zum zweiten Mal in diesem Jahrzehnt ein Comeback-Album vor. Und es ist (wie schon "Alone In The Universe" 2015), keine Scheibe, die man zur höheren Ehre des Mannes aus Birmingham am besten ignoriert.

Hoffnungsfrohes und schlankere Schmachtfetzen

Natürlich: Das Electric Light Orchestra hat in den 70er Jahren am hellsten geleuchtet. Lynne besaß nicht nur eine kehlige Prachtstimme, er glänzte auch als Melodienschmied. "Mr. Blue Sky", "Can’t Get It Out Of My Head", "Don’t Bring Me Down", oder "Telephone Line" sind Beispiele einer Handwerkskunst, die an den Beatles Maß nahm und griffige Melodien drechselte. Wobei Lynne seine Ohrwürmer mit Bombast ummantelte. Vor allem Balladen. Hymnen wie "Eldorado" und "Steppin’ Out" suhlten sich nicht nur in der großen Sehnsucht. Sie schwelgten auch in einem Sound, der vom Vokalisen-Chor über die Harfe bis zu Streicher-Arpeggios, Halleffekten und Synthesizern alles aufbot, womit sich im Pop-Bereich große Oper inszenieren ließ. Die bunte Raumstation auf den Covers passte gut dazu: Sie wirkt wie das Sinnbild eines fernen Sehnsuchtsorts, verdeutlicht aber auch die technologische Hochrüstung dieser Band. Dabei kann man die Klangfluten von ELO natürlich kitschig finden. Es ist aber auch eine Verlockung, sich von dem fortspülen zu lassen, was Lynne bis zur Stilllegung der Band 1986 schuf.

Dabei klebte er nicht an diesem Sound fest. Als Teil der Traveling Wilburys, einer All-Star-Band mit George Harrison, Tom Petty, Roy Orbison und Bob Dylan, war er in den Folgejahren auf ein schlichteres Klangbild mit einer gewissen Neigung zum Folkrock eingestellt.

"From Out Of Nowhere" (Columbia) klingt nun streckenweise wie ein Mix aus dem alten ELO-Kosmos und der Handschrift zweier Wilbury-Kollegen: Die Gitarrenfärbung der Titelnummer erinnert frappant an den 2017 verstorbenen Petty; "Help Yourself" wiederum beginnt mit einem Um-Tscha-Beat nach Art von Roy "You Got It" Orbison, bevor die Nummer in einen bittersüßen Lynne-Refrain umschwenkt. Stimmt zwar: Epochemachend ist das alles nicht, aber charmant und frohgemut. Da nimmt man es in Kauf, dass danach "All My Love" mit seinem Bossa-Rhythmus in Richtung Formatradio schielt und das folgende "Down Came The Rain" in Form von Schablonenharmonien keine Besserung bringt.

Dafür fährt Lynne mit "Losing You" eine Ballade auf, die auch einem alten ELO-Album zur Zier gereicht hätte. Tatsächlich hat der Brite diesen Song schon vor 20 Jahren begonnen: ein hinreißendes Trennungslied zwischen hymnischer Wehmut, federnden Akkordfolgen und einer Prise Bluesrock. Streicher gibt es auch wieder. Sie folgen dem Gesang aber viel unauffälliger als in den 70ern.

Überhaupt fällt das neue Album, weitgehend von Lynne allein eingespielt, durch eine wohltuende Verschlankung des Klangbilds auf: Ein Umstand, der auch Konfektionsware wie der "Sci-Fi Woman" eine gewisse Drahtigkeit verleiht. Für Abwechslung sorgt zudem, dass Lynne hie und da wieder seiner Liebe zum Rock’n’Roll frönt - ohne dabei aber wie früher in grobes Gitarrendröhnen zu verfallen. Gegen Ende eine Midtempo-Hymne in eigener Sache: "Time Of Our Life" erzählt von einem Konzert im Wembley Stadium, bei dem "60.000 Handys in der Dunkelheit leuchteten". Das ELO-Raumschiff ist in der Gegenwart gelandet, und es macht gar keine schlechte Figur.