Gerade erst ging es dem natürlichen Lebensraum des Voodoo Jürgens wieder gewaltig an den Kragen. Immerhin bedeutet das Inkrafttreten des absoluten Rauchverbots in der Gastronomie, dass jetzt ein nächster großer Teil der - wenn schon nicht guten alten Beislkultur, so doch der guten alten - Beislfolklore abhandenkommt.

Zum Nichtrauchen ins Café Gerti gehen? Haha! Noch bis vor Kurzem wäre das ein schlechter Witz gewesen, der jemanden eine Runde gekostet hätte. Heute haben wir es beim Pofelverbot allerdings mit der Realität zu tun, die man anders als in alten Mundl- und Kottan-Folgen oder im "Club 2" sogar sehen kann. Wer Nebel schätzt, kann ja immer noch Urlaub in Ebensee machen oder in eine türkische Dampfsauna gehen. Aber Vorsicht, Schnaps bekommst du dort keinen!

Rechnet man dann neben dem Beislsterben, also der letzten Sperrstunde drüben im Brandineser, auch noch den Niedergang des kleinen Glücksspiels (Stichwort: Die echten einarmigen Banditen sitzen im Parlament!) und die Ablösung des Gürtelstrizzis mit Schnauzbart durch die Ostmafia dazu, sehen wir ein ganzes Milieu beinahe ausradiert. Leider wird auf am Boden Liegende sehr gerne auch noch getreten. Das bedeutet, dass es eine Sauerei ist, dass man ausgerechnet aus dem Espresso Lucky eine Bobobude gemacht hat, in die jetzt die Gstudierten aus Piefkenesien mit ihren Miniatur-Wiebkes und Zwerg-Noahs frühstücken gehen. Spritzwein gibt es auch keinen mehr! Was ist das, wer braucht das, "Prosecco"?

Nichts hackeln, tachinieren

Durch diese fremde und kalte neue Welt, die seltsam an den einen Science-Fiction-Roman erinnert, in dem auf 500 Seiten auch kein einziger Tschick mehr geraucht wurde, schickt der im Jahr 1983 in Tulln geborene Sänger und Songwriter David Öllerer seinen Kunst-Strizzi Voodoo Jürgens auf seinem am Freitag erscheinenden zweiten Album "’S klane Glücksspiel" (Lotterlabel) mit Stücken wie "Ollas nimma deins" zwar zwischendurch auch. Weil die Realität sehr grau sein kann, auch oder gerade weil es nicht mehr nebelt, wird dabei aber auf die Möglichkeit der Kunst zurückgegriffen, die Welt von einst wieder aufzubauen - sagen wir Anti-Science-Fiction dazu. Schließlich kommen in den fünfzehn neuen Songs so ziemlich alle Altwiener Archetypen vor, wie man sie von den Hauptrollen Georg Friedrichs kennt. Es geht um das Owezahn und das Einedrahn sowie darum, möglichst nichts zu hackeln - und dabei auch noch zu tachinieren.

Das klassische Glücksspiel und seine Begleiterscheinungen wie etwa die Auszahlungsprokrastination oder den Finanzierungsengpass thematisieren zwar nur der mit Kirtagskapellen-Tschingderassabum auffahrende Titelsong ("Des gibt’s jo ned! Ollas dahin!!") und das gewohnt hörspielhaft angelegte Schelmenstück "Kumma ned" über die sogenannte Bringschuld.

Immerhin war das Bummerl schon einst bei Horst Chmela nicht nur dem Pech geschuldet, beim Kartendübeln ausgsackelt zu werden und so neger zu sein, dass sogar die Eisensau nichts mehr ausspuckt (existiert eine zweite Sprache auf dieser Welt, die einen schöneren Ausdruck für den Bankomat kennt als das Wienerische? Nein!). Es gibt im echten Leben neben dem Pech im Spiel also immer auch noch das Pech in der Liebe. Voodoo Jürgens kündet etwa im Song "Scheidungsleichn" über als Rohbau verendende Kreditgräber draußen in der Einöde davon.

Sporttaschen in Schließfächern mit kleinkriminellem Hintergrund kommen vor. Der Taxler Andl (Voodoo Jürgens legt ihn begnadet raunzert an) und die Jazz Gitti haben Gastauftritte. Man hört einen Hauch Sperrstundenjazz mit Kontrabass, Beserldrums und Twanggitarre und nach dem Schub in Hälfte eins mit tollen und gewinnend arrangierten Songs wie "Angst haums" hübsch berührenden, streicherumrahmten Songwriterstoff wie "2l Eistee" im ruhigeren zweiten Teil.

Am Ende aber steht ein Liebesbekenntnis, das österreichischer nicht sein könnte ("Du bist die Flachsn im Gulasch . . .") und eine gleichfalls sehr österreichische Version von Zuversicht ("In da Fettn is da Gschmockn / Wir zwa werns scho dapockn"), zu der Voodoo Jürgens auch allen Grund hat. "’S klane Glücksspiel" bedeutet für ihn sehr gute Karten. Musik ist Trumpf.