Die Sprache seiner Eltern, die vor dem ugandischen Diktator Idi Amin geflohen sind, versteht er nicht, und die Briten derstessen sich bei seinem Namen: Lange Zeit litt Michael Kiwanuka, Londoner ugandischer Herkunft, an der typischen Zerrissenheit eines Menschen mit Migrationshintergrund.

Trotz, Starrsinn, vielleicht ein wenig Lust am Leiden, vielleicht auch das Gefühl, dass auf gut wienerisch "eh alles Wurscht" ist, haben Kiwanuka dennoch daran gehindert, sich ein künstlerisches Alias zuzulegen, wie das zum Beispiel der sudanesischstämmige, ihm musikalisch entfernt verwandte und übrigens auch in London geborene Amerikaner Ahmed Abdullahi Gallab als Sinkane getan hat. Stattdessen nennt Michael Kiwanuka sein drittes Album justament "Kiwanuka". Ein Statement.

Möglicherweise ist es etwas leichter, selbstbewusste Zeichen zu setzen, wenn man mit seinem Weltschmerz die Kritiker ebenso wie das kaufende Publikum entzückt, schon das erste Album ("Home Again", 2012) vergoldet und mit dem zweiten ("Love & Hate", 2016) eine Mercury-Prize-Nominierung und eine Nummer 1 in UK eingefahren hat.

Dabei ist dieser latente Unterton von Trauer keineswegs verklungen. "I’ve been dazed / my pride is gone / my mistake / Guess I’ll move on", heißt es da zum Beispiel auf dem neuen Album. Oder: "They’ll watch you fall / break your heart / watch you bleeding." Oder: "Lying on the ground / feeling like a dying man / No reality / fading memories".

Musikalisch aber wurde die Gangart - da drängt sich wieder die Assoziation zu Sinkane und dessen Album "Dépaysé" auf - merklich forciert. Vom introspektiv-temperierten, großen Altvorderen wie Bill Withers, Bobby Womack oder dem frühen Marvin Gaye verpflichteten, von leichten Folk-Einflüssen interpunktierten Soul der beiden Vorgänger steuert der Sänger und Ausnahmegitarrist etwas überraschend in psychedelische Fahrwasser, aus denen bisweilen glatt die Yardbirds der Jeff-Beck-Phase und die poppigeren Momente der ersten beiden Cream-Alben hervorklingen.

Das hört sich im Opener, "You Ain’t The Problem", mit viel "Lalalala"-Geträller noch etwas platt und plakativ an - und wahrscheinlich will es das auch sein -, im nachfolgenden "Rolling" aber bereits schier überwältigend: Ein mächtig rollender Rocker mit beschwörender Melodie und dröhnender Gitarre, der bruchlos in einen (buchstäblich) himmlischen Gospel ("I’ve Been Dazed") übergeht.

Grandioses Finale

Leider war’s das dann im Großen und Ganzen mit Tempo und Dynamik. Denn nach einer gravierenden Zäsur folgt eine Strecke, die ein bisschen Geduld erfordert: Piano, Streicher, Hintergrundsäuseln, alles sehr geschmackvoll arrangiert - und relativ fad. Nicht ganz zu Unrecht haben Stimmen wie die Onlineplattform Pitchfork schon einmal beanstandet, dass nicht immer ganz klar wird, wo Kiwanuka eigentlich hinwill.

Track Nummer acht (von 13) markiert den Punkt, wo Kiwanuka wieder auf die Beine kommt. Eingeleitet von zartem akustischem Genudel und mit splitternder E-Gitarre auf Touren gebracht, bringt "Hero" mit widerborstigem Selbstbehauptungswillen, Sarkasmus und etwas Betrübnis die Absurdität auf den Punkt, die Kiwanuka in seiner entwurzelten Existenz sieht: "I won’t change my name / no matter what they call me / I lost my only friend / and I’ll grieve you till the end / Am I your hero / Am I your hero how / To die a hero / is all that we know now."

Danach nimmt Kiwanuka noch einmal eine kleine Auszeit mit Vogelgezwitscher und schwindsüchtigem Schmachten, eher er in ein wirklich grandioses Finale einsteigt: "Final Days" ist eine gleichermaßen besinnliche wie intensive Soulballade, die Moby mit Sicherheit gerne auf seinen Erfolgs-LPs "Play" und "18" gehabt hätte und in ein stimmig getaktetes Zwischenspiel mündet. "Solid Ground", das selbigen als Sehnsuchtsort herbeisehnt, kommt zunächst einer musikalischen Meditation gleich, die umstandslos Fahrt aufnimmt; das abschließende "Light" wiederum verströmt nicht nur wegen seines Titels neuerlich einen spirituellen Einschlag.

Dem Vernehmen nach soll Michael Kiwanuka mitreißende Konzerte geben. Schon demnächst kann man sich auch in Wien davon überzeugen.