So wie es Literaten gibt, die - egal, wie viele einzelne Werke sie auch veröffentlichen - im Grunde immer nur an einem einzigen Buch schreiben (Patrick Modiano, der französische Nobelpreisträgers des Jahres 2014, gilt als Paradebeispiel dafür), gibt es auch Musiker und Bands, die an einer Art Gesamtwerk arbeiten, von dem jedes Album nur einen Teil darstellt, der sich mittels eigenständiger Sounds und deren Verfeinerung (mitunter auch Vergröberung) in einen übergeordneten integralen Klang fügt, der jederzeit sofort (wieder-)erkennbar ist - und so nur von diesem einen Künstler(kollektiv) stammen kann.

Die US-Band Steely Dan oder die Briten Blue Nile könnten einem da, neben manch anderen, einfallen. Oder, ebenfalls aus England, die Tindersticks. Von dieser seit 1993 - mit Unterbrechung - bestehenden Gruppe erscheint am 15. November ein neues Album, ihr elftes (wenn man die Live-Einspielungen und Soundtracks nicht mitzählt): "No Treasure But Hope". Und natürlich ist alles wie immer: Stuart Staples singt mit unverwechselbarem Vibrato von der elegisch-melancholischen Verfasstheit der Welt, die freilich in einen derart samtigen und plüschigen Kammerpop eingebettet wird, dass man kaum anders kann, als wohlig darin zu versinken. Und doch ist dieser verwehte, spätherbstliche Klang diesmal von einer Helligkeit durchdrungen, wie man sie von den Tindersticks schon lange nicht mehr gehört hat.

Hier wurden Fenster geöffnet. Und herein weht bei dieser an sich im emotionstrunkenen Fach Liebesleid tief verankerten Formation mit "Pinky In The Daylight" (Tageslicht!) ein richtiges Liebeslied ohne Wenn und Aber. Der Rest des Albums ist gleichwohl getragener, aber ebenfalls von einer ungewohnten Leichtigkeit, die sich vielleicht auch der extrem kurzen Aufnahmedauer verdankt: "No Treasure But Hope" wurde in nur fünf Tagen in Paris eingespielt. Nächstes Jahr damit auf großer Tour, kommen Staples und seine Mannen endlich wieder nach Wien (am 9. und 10. Mai ins Theater Akzent, wo sie vor Jahren schon einmal groß und feierlich aufgespielt haben).

Was Pathos, Stimmung und Atmosphäre betrifft, wovon die Tindersticks wahrlich nicht zu wenig haben, werden sie von The Slow Show noch da und dort übertroffen. Das Quartett aus Manchester ist in Sachen Melodramatik derzeit kaum zu toppen, wie auch ihr drittes, im Sommer erschienenes Album "Lust And Learn" zeigt.

Albumcover The Slow Show.
Albumcover The Slow Show.

Ebenfalls von einer unverkennbaren Stimme getragen, dem sonoren Bassbariton von Rob Goodwin, wird hier grundsätzlich nur mit großer Geste gearbeitet. Und langsam - kein Wunder bei diesem Namen! 18 Monate haben Goodwin, der nach Düsseldorf übersiedelt ist, und seine Gefährten, die in England verblieben, an der neuen Platte gebastelt. Das war vielleicht zu lange. Denn der Sound ist an manchen Stellen - mit Chor und Orchester - etwas gar in die Breite gegangen und ins allzu Kitschige übergeschwappt. Tracks wie "The Fall" und vor allem "The Exit Wounds", wo etwas rhythmische Bewegung ins bisweilen zähflüssige Spiel kommt (und die feenhafte Stimme von Sängerin Kesha Ellis als Kontrast zu Goodwinns Grummeln), sind allerdings eminente Gänsehauttreiber, denen man sich nur schwer widersetzen kann.