Es beginnt mit einer Art gregorianischem Choral. Der wird zwar durch in Hall getauchte Klangflächen und ein zartes Pochen durchbrochen, wie man es auch vom Kremser Donaufestival kennt und schätzt. Zu mantrahaft wiederholten Zeilen wie "If I walk out the door / It starts our last goodbye" bleibt das sonische Grundmaterial aber kathedralisch - was wiederum gut zum Albumtitel passt.

Bisher hätte man die 1988 als Tahliah Debrett Barnett in der britischen Einschicht geborene Sängerin, Songwriterin und Produzentin FKA twigs ja eher nicht des Katholizismus verdächtigt. Neben aktuellen Interviewstatements, wie etwa zuletzt im "Zeit Magazin" über ihre Erziehung an einer geistlichen Schule (für die sie übrigens dankbar ist, Arbeitsdisziplin und so), kündet der Werkname "Magdalene" (Young Turks) als eindeutige Reverenz an Maria Magdalena aber recht eindeutig zumindest von einer gewissen Nähe.

Maria Magdalena interessiert die junge Kunstschaffende natürlich als von sieben Dämonen besessene Hure in ihrer Phase vor der Bekehrung, wie man sie im deutschen Sprachraum eventuell nicht zum Vorteil des schwer unter Hipnessverdacht stehenden It-Girls auch aus dem 80er-Jahre-Schlager "(I’ll Never Be) Maria Magdalena" von Sängerin Sandra kennen könnte.

ASMR-Flüstertechnik

Immerhin heißt es in einem nur konsequent "Mary Magdalene" betitelten Albumhighlight gleichfalls zu einer Art gregorianischem Choral im Rahmen eines spirituellen und grundsätzlichen Loblieds auf die (Sinnlichkeit der) Frau recht weltlich: "A woman’s touch / a sacred geometry / I’m fever for the fire / True as Mary Magdalene / Creature of desire / Come just a little bit closer to me / I can lift you higher / I do it like Mary Magdalene." Und was erst mit dem zuvor gemeinsam mit Rapper Future samt Auto-Tune-Effekt besungenen "Holy Terrain" gemeint ist - der Herr Pfarrer will es gar nicht wissen.

Nach einer Karriere als blutjunge Tänzerin im Bereich Pop-Mainstream hat die Frau bekanntlich bereits zu Beginn der Karriere als FKA twigs im Bereich "Pop-Avantgarde" zu fragmentarischen elektronischen Klangtupfern in bester ASMR-Flüstertechnik sinnliche Teasing-Zeilen wie "How’s that / How’s that feel / You are / You are everything / That feels good / In my . . . / I want you / In my . . ." in ihr Mikrofon gehaucht. Nach drei EPs und ihrem Debütalbum "LP1" (2016) unter Produktionsbeihilfe so unterschiedlicher Namen wie  Alejandro Ghersi alias Arca (Björk) und Paul Epworth (Adele) lauerte zuletzt aber die Krise.

Hybridwesenhaftigkeit

"Magdalene"-Albumcover.
"Magdalene"-Albumcover.

Die Trennung von Schauspieler Robert Pattinson ("The Lighthouse"!) ist zu nennen, vor allem aber die operative Entfernung von Gebärmuttertumoren. Das die Kraft der Weiblichkeit beschwörende "Magdalene" ist also auch ein Selbstheilungsalbum geworden. Nicht zuletzt der Song "Daybed" legt zwischen Sirenen- und Schwanengesang zu Nebelklängen aus dem Moor und Moos davon Zeugnis ab: "Silent are my heart strings / Icy is my body heat / Lonely is my hoping."

Im wiederum ganz dem Beziehungsk(r)ampf geschuldeten "Home With You" steht die ausdrucksstarke Stimme bisweilen als Solo im Schlaglicht. Gut und gerne wird, passend zum artifiziellen, auch von Tanzchoreografien abgefederten Image der Kunstfigur, aber auch mit Stimmmutationen einer Hybridwesenhaftigkeit zugearbeitet. Bei "Sad Day" lockt so etwas wie eine künstliche Intelligenz mit erheblichem Sexualdrang in die Federn: "Taste the fruit of me / Make love to all you see." Und zu metallenen Sounds und einem elektronischen Bremsmanöver hört man im angriffigeren "Fallen Alien" einen Chor aus Cyborgs.

Das hat starke Momente und geht als ästhetisches Konzept und persönliches Überwindungsdokument schwer in Ordnung. Allerdings legen konventionellere und zart am Kitsch anstreifende neue Stücke wie "Cellophane" oder die durchaus handelsüblichen Formalismen aus dem zeitgenössischen Hip-Hop hinter besagtem "Holy Terrain" nahe, dass es vor allem die kompromisslose Unangepasstheit der frühen Tage ist, die FKA twigs besonders gut ansteht - also anstehen würde.