Einen guten Teil des auslaufenden Jahrzehnts hat Will Oldham als Bonnie "Prince" Billy damit verbracht, seine geneigte Hörerschaft zu verwirren. Seine letzte reguläre Platte - sprich: seine letzte LP mit eigenen neuen Songs - reicht ins Jahr 2013 zurück: Das selbstbetitelte Album "Bonnie ,Prince‘ Billy" stand damals auf dem Programm. Seither hat Oldham mit monothematischen Coveralben ausgiebig großen Vorbildern wie Merle Haggard, den Everly Brothers, den Mekons, aber auch kontemporären Geistesverwandten wie der norwegischen Songwriterin Susanna Wallumrød gehuldigt.

Eine Hommage an die Everly Brothers spielte er gemeinsam mit der Prog-Folk-Musikerin Dawn McCarthy ein. Auch Adaptionen eigenen alten Liedguts gab er zum Besten, ob flächendeckend auf der LP "Singer’s Grave - A Sea Of Tongues" oder verstreut in eine Kooperation mit dem Gitarristen Bryce Dessner (The National), deren Höhepunkt indes eine 16-minütige Bearbeitung eines Stücks des genialischen Minimal-Music-Komponisten Julius Eastman war.

Und nun bringt er einen Longplayer mit dem Titel "I Made A Place" und 13 neuen Songs aus eigener Feder heraus. Wenn es wahr ist, hat Bonnie "Prince" Billy selbst schon nicht mehr damit gerechnet. "In den letzten Jahren", so lässt der "Prinz" seine Gefolgschaft via Waschzettel seines Europa-Vertriebs Domino wissen, "ist die ganze Welt der aufgenommenen Musik, was ihre Aufzeichnung, Perzeption, Veröffentlichung und Verbreitung angeht, atomisiert worden. Ich habe die Luft angehalten, gewartet, dass der Sturm vorbeizieht. Aber der Sturm ist geblieben und seine Verwüstungen haben unsere neue Landkarte geformt."

In einem der markantesten Songs seines neuen Albums transformiert Oldham solche Man-muss-es-nehmen-wie’s-kommt-Gelassenheit kühn in ein apokalyptisches Setting: Wenn die Welt zusammenbricht, Fluten kommen, technologische Hilfsmittel zu wertlosem Schrott verfallen, lehrt die Kinder halt das Schwimmen und anhand der Sterne zu navigieren. Oldham, 49 Jahre alt, fantasiert seine letztes Jahr geborene Tochter als eine Art visionäre Seefahrerin mit dem Wind in ihren Haaren und neuem Mindset im Kopf. Der verwaisten Erde weiß er Beruhigendes mitzugeben: "Don’t worry if all life is gone / the rocks and sea will still roll on / and new wild creatures will be born / Yes this is far from over / the whole world’s far from over."

Es ist bei einem Künstler wie Will Oldham, der vom reduziertesten Zeitlupen-Country-Format über Avantgardismen bis zum lauten Rock alles kann, ziemlich schwierig, seine besten Werke zu bestimmen. "I Made A Place" sollte aber Chancen in diesem Kanon haben. Grundsätzlich braucht Oldham, der stimmlich feinste Nuancen betonen und verschieben kann wie kaum ein anderer - und nur deshalb nie in einer dieser einschlägigen Beste-Sänger-aller-Zeiten-Listen aufscheint, weil a) Kritiker vulgär sind und b) solche Rankings laute Pathetiker und Crooner bevorzugen - nichts als eine Akustik-Gitarre, um Intensität aufzubauen.

Hawaii als Einfluss

Solchermaßen braucht es auch nicht viel, um ihn ordentlich auf Vordermann zu bringen. Es reicht dazu, wenn wie hier relativ wenige Stilmittel dramaturgisch durchdacht miteinander in Interaktion treten: Holzbläser geben den inhaltlich meist ziemlich doppelbödigen Stücken eine getragene Grundierung, während Fiedeln, flotte Banjos und E-Gitarren schon auch einmal ein bisschen das Tempo anziehen und die Engelsstimme Joan Shelleys manches strapazierte Stimmungsbild aufhellt.

Von Oldhams Coverprojekten scheint seine Hommage an Merle Haggard den größten Einfluss auf diese Platte gehabt zu haben. Besonders der Opener, "New Memory Box", oder "The Devil’s Throat" zeigen sich als aufgeweckte Country-Stampfer dem Vermächtnis des "Working Man’s Poet" verpflichtet. Oldham selbst sieht "I Made A Place" intensiv von der Musik Hawaiis inspiriert, wo er mit seiner Frau, der Textilkünstlerin Elsa Hansen, ein Artist-in-Residence-Stipendium hatte.

So verweisen die eigenartige Stimmung der Gitarren im Titelsong und sporadische Flöteneinsätze auf das musikalische Erbe des Inselstaats. Bewusst jedenfalls stellt solche Roots-Orientierung Rückbesinnung über Vorwärtsdrang: "Es geht vielmehr um einen Schritt zurück statt um zwei Schritte vorwärts", erklärt Oldham.