"Courage ist gut, Ausdauer ist besser. Ausdauer, das ist die Hauptsache." Theodor Fontane musste es wissen. Der deutsche Schriftsteller hat in seiner Rolle als Theaterkritiker genug Zeit dafür aufgebracht, gegen Bezahlung schlechtes Schauspiel in Kauf zu nehmen. Das Wort Courage bedeutet, vor allem, wenn man ihm ein "Sozial-" voranstellt, zwar Beherztheit, Schneid und Mut, was also ein aktives Einschreiten voraussetzt. Courage im Zusammenhang mit einer Situation, die es erfordert, außer unerschrocken, in einem gewissen Sinn schmerzbefreit und in jedem Fall tapfer zu sein, aber heißt: dass man sich seinem Schicksal ergeben und die Zähne ganz fest zusammenbeißen muss.

Ach ja, die kanadische Sängerin Céline Dion hat gerade ein neues Album veröffentlicht, das den Titel "Courage" trägt. Die heute 51-Jährige hat dafür den Mut aufgebracht, auf der Suche nach einem Ausweg wieder einmal durch das emotionale Jammertal zu wandern. Publikumsseitig muss man dafür die Ausdauer für 16, auf der Deluxe-Version sogar 20 neue Songs besitzen, die sich mit 70 Spielminuten noch einmal länger anfühlen, als sie es sind. Über das Durchhaltevermögen von Theodor Fontane ist zu sagen, dass der Mann als gelernter Apotheker guten Zugang zu Schmerzmitteln hatte. Was aber bleibt uns - außer Blut, Schweiß und Tränen?

Zum Glück ist man für die aktuelle Herausforderung insofern vorbereitet, als die mit Albumverkäufen im Fantastilliardenbereich vielleicht kommerziell durchschlagkräftigste noch lebende Sängerin aus der Liga einer Whitney Houston bereits im vierten Jahrzehnt ihrer Karriere steht. Diese inkludiert nicht nur Duette mit Namen wie Barbra Streisand, Luciano Pavarotti oder den Bee Gees sowie millionenschwere Mammut-Engagements als Showsängerin in Las Vegas.

Als bestimmendes Element in Form einer aus einem großen alten Dampfschiff geblasenen Wolke über der Laufbahn von Céline Dion hängt vor allem auch der Song "My Heart Will Go On". Der 1997 als Soundtrack ("Der Untergang", nein, sorry, "Titanic"!) zu schlechtem Schauspiel besungene Schmerz ist der Schmerz, den wir beim Hören empfinden. Er basiert auf der nachhaltigsten (Pan-)Flötenmelodie der Musikgeschichte seit "El Condor Pasa" und sorgt für das psychologische Phänomen der Angst vor der Angst, sobald man sich auch nur in der Nähe einer Fußgängerzone befindet.

"Courage"-Albumcover.
"Courage"-Albumcover.

Das nun also vorliegende Album "Courage" eröffnet zunächst mit einer halb falschen Fährte. Nach "Flying On My Own", das wie ein ohne Stromanschluss durchgeführtes "DJ"-Set von David Guetta klingt, weil die dafür eingeflogene Riege der Fließbandproduzenten offenkundig beschlossen hat, lieber Party zu machen und den Algorithmus hackeln zu lassen, dominieren bald die Klavierballaden mit Streicherumrahmung oder die klaviergrundierten Powerballaden mit Hang zum Tusch. Das diesbezüglich wirkungsmächtige "Lying Down" hat man ja auch erst ungefähr 730-mal beim Song Contest gehört. Für eine gewisse, wenn auch in ein atemlos-strenges Popkorsett eingeschnürte Stilvielfalt darf später noch der Countrypop-, Gospel- oder R&B-Anhauch von Stücken wie "The Chase", "I Will Be Stronger" oder "How Did You Get Here" sorgen.

Copy-and-paste-Lyrics

Autoren wie Sam Smith helfen Céline Dion dabei, den Verlust ihres Ehemanns und Bruders vor drei Jahren zu verarbeiten, wobei entsprechende Songs wie "For The Lover That I Lost" ohne Vorwissen auch als allgemeine Trennungsballaden durchgehen. An einer Stelle interveniert überraschenderweise der Zeitgeist ("I’ve had it up to my neck / With everything politically correct") - und auch einen Tipp für ihre Geschlechtsgenossinnen hat Céline Dion diesmal dabei. Im Song "Say Yes" heißt es: "You gotta let your feelings show / Stop saying ,no, no, no‘!" Dazu passend zeugen auch Copy-and-paste-Lyrics wie "I’m free like an eagle / Sailing the winds of change" weniger von einem Kreativteam, dem nichts mehr einfällt, als eher von einer Künstlerin, der vieles egal ist.

Geld muss Céline Dion freilich keines mehr verdienen. Sie hat längst ausgesorgt. Gründe für reguläre Ticketpreise von bis zu 449 Euro für ihr Konzert am 15. Juni 2020 in der Wiener Stadthalle wird es sicherlich trotzdem geben. Für schlappe 74 Euro ist man übrigens auch schon dabei. Die billigsten Karten befinden sich - so viel zum "Titanic"-Thema "Near, far, wherever you are" - halt hinten rechts im Juchhe.