Als vortreffliche Interpretin von Songs der großen Dinah Washington machte sich China Moses schlagartig einen Namen. Mit ihrem Album "Nightintales", dem ersten, das ausschließlich Eigenkompositionen enthält, verschob die 41-Jährige ihren Fokus. Es sind Songs, in denen sich Jazz mit Soul oder Rhythm & Blues mischt. Sie alle erzählen Geschichten, die mit persönlichen Erfahrungen, Leidenschaften oder Lastern verbunden sind, angefangen von misslungenen Seitensprüngen bis hin zur Kälte der digitalen Beziehungswelt. Mit warmer, wandelbarer, rauchiger Altstimme lässt sie Figuren und Orte im Kopf des Zuhörers Gestalt annehmen, formt Bilder und Stimmungen. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" macht die Tochter von Jazzdiva Dee Dee Bridgewater aus ihrem Herzen keine Mördergrube und überzeugt mit emotionaler Ehrlichkeit.

"Wiener Zeitung": Frau Moses, mag Ihre Mutter Dee Dee Bridgewater Ihr neues Album?

China Moses: Wir haben es in London aufgenommen, meine Mutter war auf der anderen Seite der Stadt gelandet, rief mich an und sagte: "Ich werde ich es nicht ins Studio schaffen, zum ersten Mal! Das ist also ganz dein Album, dein Weg." Als wir es dann gemischt hatten, war ich bei ihr in New York, sie wollte gerade ausgehen. Sie war wunderschön zurechtgemacht und spät dran, aber mein damaliger Mann bestand darauf, dass ich ihr wenigstens einen Song vorspiele. Nach der Hälfte von "Breaking Point" zog sie ihren Mantel wieder aus, setzte sich und hörte sich das ganze Album an.

Und was meinte sie?

Sie sagte, sie sei sehr stolz, dass ich mich vom "Uh-baby-I-love-you-so" ferngehalten und wirklich Geschichten erzählt habe. Die erste Platte nur mit meinen eigenen Kompositionen. Meine Mutter hat immer in mir Dinge gesehen, die ich nicht sehen konnte. Ich glaube, allmählich komme ich dahin, was sie immer gesehen hat. Dein Leben lang fragst du dich doch: Warum zur Hölle bin ich hier? Und es fühlt sich sehr gut an, wenn du es endlich weißt. Ich habe mich lange nicht als vollwertige Künstlerin gesehen und nicht verstanden, was an meiner Stimme besonders sein soll. Ich bin ein Spätzünder und ich schäme mich nicht dafür. Ich habe eine Zeit gebraucht, das alles zu kapieren und anzunehmen. Und dieses Album war der Wendepunkt für mich.

Warum der Titel "Nightintales"?

Die zwölf Songs sind tatsächlich innerhalb von fünf Nächten entstanden, in denen ich zusammen mit meinem britischen Hip-Hop-Produzenten Anthony Marshall in der Wohnung saß, wir unendlich viel geredet haben und uns die Bälle zuspielten. Ich bin definitiv ein Nachtmensch, ich liebe die Nacht, die Stimmung einer Stadt um drei Uhr Früh, die Ruhe, das ist etwas Wunderbares. Für mich herrscht dann eine besonders intensive Energie, alles scheint friedlicher. Natürlich wissen wir nicht, was hinter geschlossenen Fenstern passiert. Tagsüber macht sich jeder Sorgen über seinen Job, seine Familie. Ich bin mit meiner Mutter auf Tournee aufgewachsen und deshalb ist mir diese Stimmung vertraut.