Bereits die Wahl des Albumtitels schloss den Umstand mit ein, dass das Internet die Geilspechte da draußen schon ausreichend genug versaut hat - und niemand, also wirklich niemand mehr bei etwa der Buchstabenkombination FFM an erster Stelle an Frankfurt am Main denken wird, wo es übrigens Würstchen gibt. Ah! Oh! Würstchen!! Das Album "F & M" steht also für "Female" und "Male" und deutet auf - aus Gründen - beängstigende Weise darauf hin, dass das gute alte Geschlechterverhältnis (bei besonderer Betonung des Geschlechts) diesmal das Leitthema sein dürfte.

Weiß man dann auch noch um den Entstehungshintergrund der neuen Songs Bescheid (sie gehen auf die Bühnenarbeit des Rammstein-Sängers Till Lindemann für eine Inszenierung von "Hänsel & Gretel" am Hamburger Thalia Theater zurück), schärft sich das Bild hinter Songtiteln wie "Knebel" und "Gummi". Es scheint sich um eine Art Grusical in Lack-und-Leder-Kostümen zu handeln, das im finsteren deutschen Wald in einer verlassenen Holzhütte spielt, die unter einer Falltür für "Eindringlinge" (Achtung, doppelter Boden!) einen Keller inkludiert, der eine strenge Kammer ist, die jetzt mit der Peitsche zur Gummizelle gemacht wird.

"F & M"-Albumcover.
"F & M"-Albumcover.

Wo man im Grunde keine Tabus mehr brechen kann, weil es keine mehr gibt, und nichts mehr provoziert - weil wen schon? -, setzt das Projekt Lindemann aus Till Lindemann und dem schwedischen Metalmusiker Peter Tägtgren auf eine Weise auf das Unappetitliche und Ungustiöse, also das Grausliche und das Grindige, dass sich zumindest so etwas wie Ekel oder Fremdscham einstellen wird.

Wenn etwa das durch die Vorarbeit mit Rammstein bestens vertraute Deklamationsgebell Lindemanns im Stile des Führers, nur tiefer, also gut zum Kellerbereich im österreichischen Sinn passend, Wörter wie "geil" in Zeitlupe dehnt, hört man immer auch den Sabber mit, der in der Holzhütte auf den Boden tropft. Aber typisch, die Klopfgeräusche und das Gewinsel von unter der Falltür hört wieder keiner! Es ist fast wie in einschlägigen Blut- und Beuschelfilmen, in denen Männer mit Motorsägen die Hauptrolle spielen - und es nach Drehschluss eine ganze Putzkolonie braucht.

Lieder wie "Gummi" und "Knebel" behandeln neben Fetischen und Perversionen also immer auch das Milieu der schlagenden Verbindungen im Sinne einer Liebe, die auch und gerade im physischen Sinn schmerzhaft ist. Stichwort: Dominanz, Unterwerfung, gemeinsame Ausflüge in den Orion-Shop, Gegenstände kaufen, die für angedachte Öffnungen entschieden zu groß ausfallen. Außerdem im Zwinger namens Seelenpein traurig und verzweifelt sein . . . Till Lindemann gibt den Dichterfürsten einer Düsterromantik, die auf Schande und Schändung baut.

Pointe of no Return

Musikalisch setzt es Metal, mit dem man im Zweifelsfall zum Song Contest fahren könnte. Er inkludiert neben messerscharfen Stakkato-Riffs und lieber ex- als implodierendem, sprich beziehungsdramatisch gestimmtem Entladungsschlagzeug also auch eine große Portion Melodie. Im ruhigen Bereich ist mit "Wer weiß das schon" diesmal so etwas wie die Lindemann-Version einer Disneyschmonzette dabei. Sie klingt nach einem verwunschenen Märchenwald voller Onkel.

Während der Titelsong das Geschlechterverhältnis (bei besonderer Betonung des Geschlechts) über eine Antonym-Kette untersucht und mit einer Pointe of no Return schließt ("Gegensätze ziehen sich an - und aus!"), interveniert im Falle der als Tango gereichten Mörderballade "Ach so gern" ("Ach so gern hab’ ich die Frauen geküsst / Und doch nicht immer auf den Mund . . .") auch noch die von Till Lindemann zumindest registrierte #MeToo-Debatte in den Text: "Ich nahm sie einfach in die Arme / Und manche hauchte leise: ,Nein‘ / Doch ich kannte kein Erbarmen / Am Ende sollten sie’s bereuen."

Keine Spur von Reue (oder Anstand uns gegenüber!) hingegen am Ende: Der Rammstein- und Lindemann-Sänger Lindemann "rappt". Der Song "Mathematik" und sein Musikvideo mit sehr viel Muckibuden-Testosteron und einem Gastauftritt des Offenbacher Halbstarken-Rappers Haftbefehl legen derzeit ganze Pausenhöfe in Schutt und Asche. "Fick, fick, fick Mathematik / Fick, fick, fick, fick sie richtig / Fick, fick, fick Mathematik / Algebra ist gar nicht wichtig." Der Text dazu ist außer blöd einfach nur noch blöd.