Wenn es um die Kunst geht, die Fußballstadien dieser Welt nicht mit Hooligans zu füllen, die eine Schlägerei anzetteln wollen, sondern mit Menschen, die Gefühle haben - noch dazu positive, auch wenn sie sich in feuchten Augen äußern mögen -, ist diese Band definitiv ganz vorne mit dabei.

Das hat im Wesentlichen den Grund, dass das britische Quartett Coldplay um Sänger Chris Martin seine Musik aus einem Pool voller Pathos schöpft, in dem bekanntlich die größten Emotionen baden gehen - um darin ihre Spuren zu hinterlassen. Es geht mit besonderem Nachdruck also immer um das in der Politik zuletzt nicht ganz so erfolgreiche Motto "Menschlichkeit siegt", das sich mit einer gut eingespielten Zauberformel aus betulichen Klavier- und euphorischen Gitarrenklängen sowie gerne etwas wehleidigem Schmerzensgesang definitiv leichter vermitteln lässt als mit einem Parteiprogramm: "I-eh-ooooh! A-eeeeh!"

Im Fußballstadion, so dachte man zumindest bisher, fühlt sich Chris Martin heimisch. Hier ist er Mensch, hier kennt er sich aus. Das gute Gefühl, in bester Bono-Manier zu den Leuten zu sprechen wie sonst nur Jesus zu den Jüngern oder vielleicht noch Hansi Hinterseer zu seinen Manda, bärig is’ heit, ruckt’s umma a wengal - auch das Gefühl also, gemeinsam etwas zusammener zu sein, steht auf dem Programm. Also stand: Mit ihrem neuen Album will die Band nun aus dem gleichen Grund nicht mehr auf Tour gehen, aus dem sie bisher sehr wohl unterwegs war.

Du sollst ergriffen sein!

Wo es früher darum ging, die Welt zu umarmen, indem man die Leute da draußen mit den Mitteln einer lebensbejahenden, auf Zuversicht gestimmten Musik umarmt, soll diesmal der Planet als solcher geherzt, gehugt, ganz fest gedrückt, abgebusselt und dabei gesalbt werden, indem man ihn nicht mehr bereist - zumindest bis eine CO2-neutrale Welttour möglich sein wird. Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich bei Greta Thunberg. Wir haben immer an dich geglaubt!

Trost und Rat und Zuversicht für die Leute spenden Coldplay aber natürlich nach wie vor. Das Album mit dem reichlich unglamourösen Titel "Everyday Life" (Warner), der gut zu der Tatsache passt, dass Chris Martin vielleicht nicht der Popstar ist, den man sich wünscht, aber als netter Durchschnittskerl bestimmt ein Nachbar wäre, zu dem man sich gerne Zutaten ausborgen geht, setzt dafür im Kern auf zwei Wege, mit denen es mitunter ein Kreuz ist: Zum einen wird die Coldplay-Zauberformel diesmal unter Anwendung des elften Gebots expliziter denn je in die Kirche entführt. Das elfte Gebot lautet: Du sollst ergriffen sein! Songtitel wie "Church", eingestreute "Hallelujahs", das in Manier eines Kärntner-Männergesangsvereins gereichte "When I Need A Friend" und nicht zuletzt der händeringend an den Lord selbst gerichtete Call-and-response-Gospel von "Broken" künden davon: "Come shine your light on me!"

Instant-Effekte

Zum anderen nehmen Coldplay auf diesem Album gleich die ganze Welt ins Visier. Zwischen afrikanischen Kinderchören und arabischen Einsprengseln, Reverenzen an den persischen Dichter und Mystiker Saadi oder Songs über den syrischen Bürgerkrieg wie der Singleauskopplung "Orphans" geht es um einen bewussten Blick auf Regionen abseits der sogenannten Ersten Welt.

Nicht von ungefähr wurde eine Reise mit dem Düsenjet dann trotzdem angetreten, nämlich jene nach Amman, wo Coldplay die 16 in zwei Spielhälften ("Sunrise" und "Sunset") aufgeteilten Songs des Doppelalbums mit zwei Konzerten präsentierten. Davon, dass es im sogenannten Westen aber auch erhebliche Probleme gibt, erzählen wiederum neue Stücke über Waffen ("Guns") und Polizeigewalt ("Trouble In Town"). Schlichte Coldplay-Rührseligkeit dürfen diesmal Songs aus Scheidungsopferperspektive ("Daddy") oder Erinnerungen an Zeiten sicherstellen, in denen alle Beteiligten noch jünger waren und mehr Haare an den richtigen Stellen hatten ("Old Friends").

Stilistisch franst das Album ebenso aus wie es mit ans Gemüt rührenden Instant-Effekten (wie gesagt, Menschlichkeit siegt) zu oft mit der Brechstange um die Ecke biegt. Positives darf man Coldplay aber nicht nur in Sachen Klimaschutzbemühungen attestieren. Zu alten Kernkompetenzen zurückkehrende, also die Zielgruppe mitreißende Songs wie "Champion Of The World" dürften die Leute tatsächlich wieder dort abholen, wo sie sind: da draußen.