Von Arthur Russell sind postum mehr als doppelt so viele LPs erschienen als in seinen 40 Lebensjahren. In diesen hat er unter eigenem Namen nur vier Longplayer herausgebracht, und von diesen entspricht ein einziger, "World Of Echo" von 1986, wenigstens symptomatisch dem, was landläufig unter Popmusik verstanden wird, weil er Gesang und Melodien hat.

Substanziell freilich ist er von Pop noch viel weiter entfernt als es etwa die als genresprengend geltenden Werke "Astral Weeks" von Van Morrison oder "Starsailor" von Tim Buckley sind: Ohne Drums (oder elektronische Beats) und nur von einem Cello begleitet, zele-briert Russell Rhythmus, baut dissonante Ungetüme auf, stammelt mantraartig Nicht-Sinn.

Bei den Allergrößten

Warum Russell, der bis ein Jahr vor seinem Tod durch einen Halstumor (als Folge einer HIV-Infektion) am 4. April 1992 unermüdlich Musik komponierte, aufnahm und mixte, so wenig herausbrachte, ist Legende: Es wird seinem Perfektionismus zugeschrieben, der den Multiinstrumentalisten bis zu 40 Mixes ein- und desselben Stücks anfertigen lassen habe. "Perfektionismus" dürfte hier indes buchstäblich ein Hilfsausdruck sein. Die Fama sowie ein Dokumentarfilm ("Wild Combination", Regie: Matt Wolf) wissen viele Schnurren von den Neurosen des Arthur Russell zu erzählen.

Um Russells musikalischen Nachlass, der nahezu 1000 Stunden aufgenommenen Materials umfasst, hat sich vor allem das Audika-Label verdient gemacht, indem es - oft in Kooperation mit Russells Ex-Lebensgefährten Tom Lee und anderen ihm Nahestehenden - daraus schlüssige Alben kompiliert hat. Diese Arbeit ist insofern besonders anspruchsvoll, als Russell bekanntlich ein stilistischer Tausendfüßler war. Zu seinen Lebzeiten haben am ehesten seine Disco-Avantgarde-Stücke, die er unter Pseudonymen wie Dinosaur L., Indian Ocean oder Loose Joints veröffentlichte, wenigstens in seiner Wahl-Heimat New York ein gewisses Echo gefunden. Daneben hatte er eine natürliche Affinität zum Jazz, machte dichten, elektronisch durchwirkten Kunst-Pop und ließ Elemente fernöstlicher Musik und der Minimal Music in sein Werk einfließen.

2008 offenbarte Audika der nunmehr schon aufmerksamer zuhörenden Welt mit dem Album "Love Is Overtaking Me" den Singer-Songwriter Arthur Russell. Einen Singer-Songwriter, der keinen Vergleich mit den Allergrößten dieses Fachs zu scheuen brauchte. Der seine Eigenwilligkeit (Theremin-Einsätze, Bläser als Bass-Begleitung und dergleichen) ultrasouverän mit Roots-Country, Folk, Rock, New Wave und sehr eingängigem Pop zu vereinbaren wusste.

Nun ist mit "Iowa Dream" das zweite Modell dieser Serie herausgekommen. Neuerlich mehrere Perioden ab den frühen 70ern umfassend, aber stilistisch etwas vielfältiger, wirft es entsprechend seinem Titel das eine oder andere Licht auf den Staat, in dem Russell 1951 geboren wurde und bis zu seinem 19. Jahr lebte.

Nach einem Streit mit seinem Vater, der Hasch bei ihm gefunden hatte, ging er nach Kalifor-nien und lebte ab 1973 in New York. Aber zahlreiche Songs auf "Iowa Dream" evozieren - vielleicht, wie das Wort "Traum" im LP-Titel ja auch suggeriert, mit nostalgischer Sehnsucht - Bilder eines ländlichen Amerikas; aus dem Blickwinkel eines jungen Mannes, der erkennbar nicht im Erwerbsleben steht, gerne einmal im Gras herumliegt, spazieren geht, Menschen beobachtet, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad durch die Gegend tuckert, ein bisserl über die Familie der Freundin herzieht (wie "Love ..." indiziert auch "Iowa Dream", dass Russell in jungen Jahren noch heterosexuell gewesen sein dürfte).

Bohemeleben

Gegenläufig dazu fließt eine wahrhaft pulsierende urbane Ader durch das Album, die sich musikalisch in rollenden Beats, dominanten Bässen, fließenden Gitarrenläufen und Soundspitzen durch Bläser, Streicher oder Keyboards manifestiert, über denen Russells sonore Stimme von seinem Bohemeleben im Big Apple erzählt. Ein Höhepunkt ist "Barefoot In New York", ein gerappter Stream of Consciousness, in dem Russell periodisch Stottern simuliert und seine Worte von einem Chor nachäffen lässt.

Bleibt abschließend festzustellen, dass es an Irrsinn grenzt, solche schier unübertrefflichen Songs wie "Come To Life" oder den Titeltrack unter Verschluss gehalten zu haben.