Da hat man jetzt natürlich den Salat, wenn man sich dann doch nicht an seine frühesten eigenen Songtexte halten wollte - Stichwort "I hope I die before I get old - und sich im Alter von 74 (Songwriter und Gitarrist Pete Townshend) und 75 Jahren (Sänger Roger Daltrey) nach wie vor im Unruhestand befindet, um gegen das verdammte System anzurocken.

Ein neuer Song der letzten noch lebenden Bandmitglieder (Schlagzeuger Keith Moon starb 1978 an einer Tabletten-Überdosis, Bassist John Entwistle folgte am Vorabend einer Reunionstournee nach einem drogenbedingten Herzinfarkt im Jahr 2002) heißt "Rockin’ In Rage" und zeigt die gute alte britische Rocktante The Who dabei, wie sie noch einmal gegen die Umstände vorrückt. Die Knochen mögen schon klappern (so lauten zumindest die Lyrics), das Vorrecht, Dinge beim Namen zu nennen, etwas "also wohl bitte noch sagen zu dürfen" wie ein grantiger Pensionist mit Internet-Anschluss oder beim Taubenvergiften im Park, bleibt aber auch und gerade den rüstigen Rock-eben-nicht-Rentnern eingeräumt: "This must be your right / Get it down on your page / You know you must write / You know you must rage."

Schutt und Asche

Die Gefahr, deshalb als Silberrücken im historischen Sinn, also als dem Zeitgeist entsprechender Boomer wahrgenommen zu werden, ist so realistisch wie natürlich miteingedacht. Gleich mit der in bester The-Who-Manier widerspenstig gestimmten Einstiegsnummer "All This Music Must Fade" wird etwaigen Kritikern der Wind nicht von ungefähr mit einem galligen "I don’t care / I know your gonna hate this song" aus den Segeln genommen und das Selbstporträt als graue Instanz aus einer Zeit kurz nach dem Krieg, also sehr, sehr lange vor der Erfindung von Instagram gezeichnet: "I’m not blue, I’m not pink / I’m just grey, I’m afraid."

Die 1964 in London gegründete Band war aber auch vor dem Auftauchen der nicht unbedingt der Protestkultur entsprungenen Figur des Wutbürgers bereits sehr wütend. Sie hat mit der Generationshymne "My Generation" ganze Hallen in Schutt und Asche gelegt, also wiederum vom Vorrecht der Jugend Gebrauch gemacht, alles anzuzünden. Von der ungezügelten, finanziell bald problematischen Equipment-Zerstörung nach dem Konzept der Autodestruktiven Kunst Gustav Metzgers bei gleichzeitiger Verwurzelung in der Modkultur ging es mit Konzeptopern wie "Tommy" (1969) und "Quadrophenia" (1973) schließlich in Richtung Classic-Rock-Manierismus und hin zum in Stein gemeißelten Kanon.

Spätestens seit dem Jahr 1978 ist künstlerisch alles gesagt, zwei Alben und vier Jahre später war die Karriere als Recording Artist mit dem von Synthesizer-Abusus gekennzeichneten letzten Hit "Who Are You" (ab den Nullerjahren als "CSI"-Titelmelodie lizensiert) vorbei. Das Album "Endless Wire" fügte sich nach 24-jähriger Veröffentlichungspause 2006 schließlich in eine Serie an ausgedehnten Comebackrunden als die Saat einfahrender Live-Act und jetzt wieder zu bestaunender Dinosaurier-Fund. Rroarr!