Die Frage, warum Gott das alles zulässt, ist natürlich berechtigt. Hängt man einen gleichlautenden Veranstaltungshinweis dann ausgerechnet neben ein Dieter-Bohlen-Plakat, findet man sie sowieso an der richtigen Stelle. Ein entsprechendes Foto im Internetz ließ uns sehr lange, sehr oft und sehr laut lachen, zumindest bis der Freitagabend kam und der selbstdeklarierte "Poptitan" in der Wiener Stadthalle tatsächlich auf der Bühne stand – und zu singen begann.

Oh mein Gott! Der singt ja live! Und das, obwohl er nicht singen kann. Also exakt überhaupt nicht, was etwas heißen will, wenn man sich etwa zuletzt in der Stadthalle einfand, um David Hasselhoff zu erleben. Rechnet man dann noch das Bühnencharisma dazu, das Dieter Bohlen definitiv fehlt, folgt die Feststellung, dass der heute 65-Jährige zum Glück für sich selbst in einer seiner Castingshows gar nicht erst zur Jury durchdringen würde und sich ein Dieter-Bohlen-Urteil im "Ey, da ist ja sogar eine leere Rolle Klopapier spannender"-Stil somit erspart.

Kriminelle Frisuren

Wir urteilen zumindest stilistisch anders und klammern uns anlässlich der dräuenden mehr als zwei Konzertstunden, die sich noch erheblich länger anfühlen werden, als sie es sind, an den guten alten Goethe. Der spendete bereits im Jahr 1767 in einem Brief an seinen Jugendfreund Ernst Wolfgang Behrisch jenen Trost, den es noch heute in herausfordernden Lebenssituationen braucht: "Die Erinnerung überstandener Schmerzen ist Vergnügen."

Es gibt dann aber eh die Konzertpassagen und die Stellen im Bee-Gees-Gedenk-Falsett, für die Dieter Bohlen im Rahmen seiner "Mega Tournee" den Milli-Vanilli-Weg nimmt und Playback singt. Na bitte, geht doch! Kollektive Erleichterung. Ein Hauch von Dank. Dafür schlagen einem neben den einer herausfordernden Lebenssituation zuarbeitenden Songs auch die eine herausfordernde Lebenssituation heraufbeschwörenden Musikvideos auf der Videowall auf den Magen. Nach dem Auftakt mit dem gerne als neoliberale Selbstoptimierungshymne gebrauchten "You Can Win If You Want" etwa erinnern die Bilder zu "Love Me On The Rocks" nicht nur an alte, im Grunde kriminelle Trends aus dem Friseurmilieu. Sie erinnern auch an die Ära des Eisernen Vorhangs, die David Hasselhoff mit "Looking For Freedom" – der Rest ist Geschichte – ausgerechnet zu jener Zeit hinwegsingen musste, als Dieter Bohlen gerade für seine Verdienste in Sachen musikalische Osterweiterung und Kulturexport über Grenzen (von Staaten oder des Anstands) hinweg als "Held der russischen Jugend" ausgezeichnet wurde. Kein Schmäh!