Von dem Musikmagazin Quietus wurde sie trotz Pausen als "eine der beständigsten britischen Bands aller Zeiten" gelobt, von Bands wie My Bloody Valentine, Blur, oder  R.E.M. als wesentliche Inspiration: die englische Band Wire - zum einen kompromisslose Vertreter des Kunstflügels des Punk, zum anderen viele Jahre Verfechter von musikalischen Experimenten. Wire besteht in der Tat schon beinahe viereinhalb Jahrzehnte und spielt mit Ausnahme der musikalischen Pause von Drummer Robert Gotobed Anfang der 1990er Jahre (er ging, um Biobauer zu werden) und dem Abgang vom Bruce Gilbert (Gitarrist und Mann fürs Experiment) im Jahr 2004, in der Besetzung kontinuierlich.

Wires musikalische Reise begann im Herbst 1976 in London, im Fahrwasser der Post-Punk-Szene. Ein Jahr später erschien die erste LP "Pink Flag", die rosa Flagge ist seit 2000 auch Namensgeber für das bandeigene Label. Es folgten zwei weitere Fundamente der britischen Musikgeschichte, nämlich "Chairs Missing" (1978) und "154" (1979). Danach wurde es mitunter kitschig, als Mitte der 1980er Jahre und 1990er Jahren auch Wire ins Reich des Elektropop  driftet. Nach einer Pause starteten sie 2003 mit brachialem Rock und dem Album "Send" in das neue Jahrtausend.


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"Keine Wiederholungen" war lange Zeit oberste Priorität der Band, ein Prinzip das mit unterschiedlicher Intensität verfolgt wurde aber mittlerweile nicht mehr an oberster Stelle steht. So verfolgten die Bandmitglieder Gilbert, Graham Lewis (Gesang, Bass), Colin Newman (Gesang, Gitarre) sowie Gotobed (heute Robert Grey genannt) lange Zeit das Ziel, die Strukturen der Pop-Musik aufzubrechen und zu Neues kreieren – nicht nur in der Band, auch in den zahlreichen Seiten- und Soloprojekten (darunter Dome, He Said oder P'O.).

Doch das war einmal. Denn mit "Changes Become Us (2013)" gelangten Wire an einem Wendepunkt, indem sie plötzlich voll aus der Vergangenheit schöpften. So besteht das Album streng genommen aus Song-Schnipseln, die während ihrer legendären ersten Live-Konzerte aufgenommen wurden, als die vier auf der Bühne mit Sound und Rhythmus experimentierten und für damalige Ohren ungewohnte Lärmteppiche ausrollten. Mit "Lärm" oder "unkenntlicher" Rockmusik quittierten damals viele Kritiken die Konzerte. Als Zeugnis davon ist das live-Album "Documents and Eyewittness" geblieben, das nach dem dritten Album "154" im Jahr 1981 erschienen war.

"Changes Become Us" speist sich also großteils aus Fragmenten dieses Albums und macht aus den Sound-Schnipseln schnurstracks so richtige Songs. Tracks wurden damit zu klar strukturierten Liedern, mit Melodie und Rhythmus. Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung, die sich mit ihrem Hang zum Gewöhnlichen bereits in den Alben "Red Barked Tree" (2010) oder "Object 47" (2008) erkennen lässt, ist der Abgang von Gitarrist Gilbert.

Mit dem Gründungsmitglied verließ auch die stoisch wie elegant gespielte Gitarre sowie die Experimentierfreude die Band, die sich seither ihrer Liebe zum Pop verschrieben hat. Die Alben sind braver geworden, musikalisch bei weitem nicht mehr so intensiv und brachial. Das darauf folgende Album "Wire", erschienen 2015, ist wiederum das erste Album mit Gitarrist Matthew Simms, der gut 30 Jahre jünger ist als der Rest der Band und seither Nummer vier.

Doch der strukturierte und präzise Minimalismus, das wohl einprägsamste Markenzeichen von Wire, und ihr beinahe machanischer Vorwärtsdrang ist auf ihrer langen musikalischen Reise zum Glück noch nicht ganz verloren gegangen. Zumindest kann man sich auch auf dem aktuellen Album "Silver/Lead", das 2017 zum 40 Bandbestehen erschien, davon überzeugen.

Dieselbe Richtung schlägt auch das neue Studioalbum "Mind Hive" (Schwarmintelligenz) ein, das Wire am 24. 1.2020  zum 44-jährigen Bestehen der Band veröffentlicht wird, gefolgt von einer Tour durchs UK und die USA. Eine Kostprobe vom neuen Album samt Video: