Ob es mit dem sogenannten "Fest der Liebe" zu tun hat, dass von Camila Cabello rechtzeitig zum Start des Weihnachtsgeschäfts ein Album mit dem Titel "Romance" vorgelegt wurde, ist nicht überliefert. Aktuell ist die 22-jährige Popsängerin mit "The X Factor"-Hintergrund aber eh eher mit Gegenteiligem beschäftigt: Die blöde Sache, dass jemand sieben Jahre alte Tweets von ihr, die neben politisch Inkorrektem auch Rassistisches inkludieren, in den Tiefen des Internets ausgegraben und wiederveröffentlicht hat, bedeutet PR-technisch gehöriges Feuer am Dach.

Dass die in Kuba als Tochter eines mexikanischen Vaters geborene spätere US-Amerikanerin in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie eigentlich gerade darauf bedacht wäre, ihre Beziehung zu, also mit ihrem Popstarkollegen Shawn Mendes in die Schlagzeilen zu rücken, entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie. Immerhin musste sich auch ihr kanadischer Duett- und Lebensabschnittspartner mit portugiesischen und britischen Wurzeln heuer wegen eines ähnlichen Sachverhalts öffentlich diskulpieren. Achtung, immer gut aufpassen, was man in das Internet so hineinschreibt. Und besser noch: Gar nicht erst deppert sein!

Das Album "Romance" (Sony Music) breitet dazu zumindest irgendwie passend dann aber eh kein durchwegs frisch verliebtes rosa Wonderland aus. Auch toxische Konstellationen, jede Menge Herzschmerz und verpasste Gelegenheiten stehen auf der Agenda. Wir erinnern uns, dass Camila Cabello heuer bereits einen Gastauftritt auf dem Scheidungsalbum des Amy-Winehouse-Produzenten Mark Ronson hatte: "I try to pass the night away with somebody new / But they don’t have a shot when I compare them to you."

Komplizenschaft

Leider muss man sagen, dass die Gefühle, die die 14 neuen Songs nun verhandeln, nicht die authentischsten sind. Wir hören Castingshow-Abgängerinnen-Musik, die von einer Profimaschine aus bis zu elf Autoren pro Song und insgesamt 15 Produzenten(teams) am Reißbrett entworfen wurde - von den Marketing-Strategen, Low-Carb-Köchen, feschen Designern und Pediküre-Fachkräften im Hintergrund ganz zu schweigen. Sex kommt vor, er ist aber ungefähr so aseptisch wie die Arrangements aus der Dose, man hört ihm sozusagen den Waschzwang an. Aber egal, es ist ja auch der im Wesentlichen auf hohlen Gesten beruhende Rest ungefähr so echt wie ein vorgetäuschter Orgasmus.

Apropos Ohr: Dass man Camila Cabello als vielleicht älterer, der Zielgruppe nicht mehr ganz so entsprechender möglicher Laufkunde ungefähr so gut kennt wie Leute mit Namen wie Selena Schlagmichtot oder Bruno Wer, sie aber trotzdem nicht aus dem Gehörgang bekommt, hat natürlich auch einen Grund. Er heißt Supermarktradio, Klanguntermalung oder schlichtweg Ö3, hat also etwas mit sanktionierungswürdiger Komplizenschaft zu tun und kommt im konkreten Fall in Form eines nun auf dem Album nachgereichten Sommerhits und Ohrwurms daher, der den Namen "Señorita" trägt. Hier wurde wieder einmal eine Formel gefunden, wie man den physikalischen Gesetzen des flüchtigen Kulturguts Musik ein Schnippchen schlägt - und stattdessen ein Produkt auf den Verbraucher loslässt, das noch als Geist umgeht.

Ähnlich gewinnbringend gelingt das auf "Romance" zwar kein zweites Mal, Songs wie "Shameless" mit einer kurzen Andeutung von möglichem Rockröhrentum oder das besonders nach Setzkasten klingende "My Oh My" mit Gastrapper DaBaby sind aber auch ohne wiederholten Konsumkontakt erfolgreich darin, uns zu nerven.

Nachdem bei Songs wie "Bad Kind Of Butterflies" oder "Easy" also aus emotionalen und künstlerischen Gründen gelitten wurde, könnte man am Ende auch noch über das Frauenbild von Camila Cabello diskutieren. "First Man" ist ein Song für Vater Cabello - nennen wir ihn Dad -, bei dem um eine Art Einverständniserklärung für den neuen Lover angesucht wird. Warum junge Leute von heute dergleichen sonst nur mehr aus Erzählungen kennen (hallo, das war das 20. Jahrhundert!) und ob das die Generation Boomer jetzt zur eigentlichen Zielgruppe macht? Wir bleiben dran.