Die erste kleine Überraschung passiert schon vor dem Interview in der Strengen Kammer des Wiener Porgy & Bess, auf dessen Hauptbühne Owen Pallett Stunden später allein mit Gitarre, Violine, Videoprojektionen und seinem wichtigsten Helferlein, dem Loop-Pedal, den Höhepunkt des Blue Bird Festivals 2019 geben wird: Das Gespräch verzögert sich ein klein wenig, weil Pallett vorher noch eine rauchen muss. Solch ein liederliches Laster hätte man einem Künstler, der Disziplin als Arbeitsmaxime preist, eigentlich nicht zugetraut.

Auch sonst entspricht Pallett, 40, nicht ganz dem Bild, das man sich von ihm gemacht haben mag: Zwar ist er, wie erwartet, recht dünn, in Kontrast zu seinem zniachtlhaften Appeal auf Pressefotos aber relativ groß und wirkt nicht unkräftig. Wann immer er Zeit dafür finde, betreibe er Sport - "das brauche ich für meine geistige Gesundheit", erzählt er und lacht. Er trägt einen Bart und einen Haarschlurf, den man mit etwas bösem Willen als Vokuhila bezeichnen könnte.

Reduktionsformat

Im Interview sagt er cool und scheinbar unbewegt Sätze wie diese: "Ich bin nun in einer Situation, wo ich den Tod als wunderbare Erlösung begreife. Nicht dass ich mich darauf extra freue, aber es ist etwas, worauf ich vorbereitet bin und wovor ich keine Angst habe. Für mich ist das Leben eine Freude und eine Herausforderung. Und ein Teil von mir hofft - nicht in einem selbstmörderischen Sinn, wiewohl ich selbstmörderische Anwandlungen auch schon hatte -, auf ein Ende."

Owen Pallett hat keine ganz leichte Zeit hinter sich: Mit dem Bruch einer langjährigen Beziehung verlor er auch seine Unterkunft in Toronto und war längere Zeit ohne fixe Bleibe. Daneben arbeitete er sich an einem Filmscore halb tot. Und er hat seit zwei Jahren eine neue Platte fertig, die "aus verschiedensten Gründen" bis heute nicht herausgekommen ist. "Sie ist 50 Minuten lang und komplett akustisch. Die Songs sind zentriert um Piano, Gitarre und Orchester. Drei, vier von ihnen haben Drums, aber zumeist ist alles recht zurückgenommen. Klanglich ist es meine bei Weitem beste Platte. Ich habe sie in den Abbey Road Studios mit dem London Contemporary Orchestra aufgenommen", erklärt der Musiker, der instrumental hauptsächlich über die Violine identifiziert wird, die er und Kollegen wie Andrew Bird gleichsam popfähig gemacht haben.

Da zumindest Teile von "Island", wie Palletts drittes Album unter eigenem Namen nach zwei Longplayern unter dem Alias Final Fantasy heißen wird, längst im Internet geleakt und auch beim Blue Bird Festival performt worden sind, kann seine Eigen-Charakteristik bequem verifiziert werden: "Island" wirkt noch introspektiver als seine Vorgänger "Heartland" (2010) und "In Conflict" (2014), die bei aller kühlen Zurückhaltung auch mitreißend dynamische, energetische Teile enthielten. Dank seines Geschicks im Arrangieren, der melodischen Üppigkeit seiner Kompositionen und der Selbstsicherheit seiner biegsamen Chorknaben-Stimme funktioniert Pallett auch in diesem Reduktionsformat exzellent.