Nichts weniger als die ganze Weltgeschichte. Darunter macht es die Schule der Geschichtsschreibung namens "Big History" nicht. Was deren Autoren vorlegen, sind Global- und Universalgeschichten, die nicht nur einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte nachzeichnen, vielmehr nehmen sie gleich viele Jahrtausende in den Blick. Der Fokus reicht von der Steinzeit bis zum Homo americanus. Oder, wie es der Australier David Christian im Untertitel seines Buches "Big History" bescheiden annoncierte: vom Urknall bis zur Zukunft der Menschheit.

Nun legt der in der Nähe von Dallas, Texas, lebende Ted Gioia eine ebensolche Universal- und Menschheitsgeschichte der Musik vor. Sie reicht von Homer, der seine Epen sang und eben nicht vorlas, bis zu Daft Punk. Vom Gilgamesch-Epos und der griechischen Dichtern Sappho zu Scott Joplin, Duke Ellington und Elvis Presley, Johnny Cash und Bob Dylan, Madonna und Justin Bieber (der allerdings nur einmal genannt wird, und das nicht im Zusammenhang mit Musik). Von steinzeitlichen Jäger-Gesellschaften bis zu Charlie Parker, Mick Jagger und Sid Vicious von den Sex Pistols.

Rebellen und Renegaten

Der 63-jährige Journalist, Kritiker, Jazzpianist und Komponist, Philosoph und Musikwissenschafter, Handbuch-Herausgeber und Hochschuldozent, der vor einigen Jahren mit www.jazz.com eine informative Website ins Leben rief und dort fast vier Jahre lang als Kolumnist und Blogger tätig war, ist ein produktiver Pu-blizist und Forscher. Elf Bücher hat Gioia inzwischen über Jazz geschrieben, darunter "The History of Jazz", "West Coast Jazz" und "The Jazz Standards". Jedes davon dürfte in jeder gut sortierten Handbibliothek von Jazzaficionados zu finden sein. Zuletzt erschien 2017 auf Deutsch die kluge und instruktive Monografie "Jazz hören - Jazz verstehen".

Gioias Leitthese nun in "Music. A Subversive History" (das noch nicht auf Deutsch erschienen ist), einem Werk, für das er mehr als zwanzig Jahre recherchiert und Material gesichtet hat, ist: Jede Neuerung, jede Innovation, jede neue Strömung der Musik kam von außen, ging auf Rebellen, Renegaten, Außenseiter und bis dato Ignorierte zurück. Diese waren unten in der Gesellschaft oder an den Rand gedrängt. Ihr Impetus war subversiv - so erklärt sich der Untertitel -, ihr Anliegen verweigerte sich von Anbeginn dem gängigen, behäbigen kommerziellen Mainstream. Dabei gaben sie, sobald ihre Musik entdeckt, adaptiert und verbreitet wurde, diesem eine neue Richtung, neue Facetten, kräftige Auffrischungen.