Das Album eröffnet mit dem rund siebenminütigen Stück "Total falsch" - und macht dabei doch alles richtig. Und es entführt uns mit "Sag mir, wie lang" auf die Metaebene, wobei man an dieser Stelle im Hörverlauf, also bei der vorletzten Nummer, jedes Gefühl für Raum und Zeit ohnehin längst verloren hat und sich die Frage nach der weiteren Spieldauer nicht mehr stellt. Man ist bereits mit dem Sound verschmolzen, der ein Setting aus schweren Samttapeten, über das Rotweinglas gebeugten Barhockern und den durch die Fensterscheiben verschwimmenden Lichtern der Stadt vor das geistige Auge zaubert und doch vor allem den Ohren schmeichelt.

Willkommen in der Welt von Bohren & der Club of Gore, willkommen in einer Welt abseits unserer Hektomatikwelt. Wenn man gerade den perfekten Ruhepuls hat und zum Beispiel glaubt, dass ein Song in Superzeitlupe ins Fade-out schleicht, sich das vermutete Ende nach einer weiteren Dehnungsübung zum Abschluss aber nur als Wechsel von einem Akkord zum nächsten herausstellt, ist man dort, wo man sein will.

Immerhin kredenzt die im Jahr 1988 gegründete und seit 2015 als Trio aktive Band aus Mühlheim an der Ruhr eine Musik der Nacht, die nicht nur ein Gefühl des Runterkommens und Durchatmens übersetzt und ermöglicht, sondern auch den Graubereich zum Wegdämmern fokussiert. Dass dabei keine Langeweile aufkommt, ist übrigens nicht das einzige Kunststück. Wie bei jeder auf Minimalismus und Mut zur Lücke im Sinne einer radikalen Reduktion setzenden Arbeitsweise, wie man sie etwa auch aus der italienischen Küche kennt, muss die Qualität der wenigen Zutaten umso besser sein und jeder einzelne der selten getätigten Handgriffe umso genauer sitzen.

Flächensounds

Wie man nun auf "Patchouli Blue", dem ersten Album der Band seit stolzen fünf Jahren - die angesichts der angestrebten Unendlichkeit aber natürlich nur der Wimpernschlag einer Libelle sind - überprüfen kann: Am besten eignet sich für diese Kunst des Geschwindigkeitsverlustes und der Aussparung immer noch ein instrumentales Set-up, das in einschlägigen Jazzkellern oder Rooftopbars herumsteht und maximal um ein, zwei Leihgaben aus dem Proberaum der Bad Seeds erweitert wird.

Ein Saxofon, das mitunter den Blues hat, ein Kontrabass, an dem gemächlich gezupft wird, Gitarren mit reichlich Twang sowie schlank gehaltene Vibrafonmelodien bilden die Basis. Ergänzt um zart collagierten Fender Rhodes und ab- und anschwellende, vorsichtig in Richtung Outer-Space zielende Flächensounds bei Albumhöhepunkten wie "Tief gesunken", wird dafür abermals auch der Name David Lynch fallen müssen. In dessen "Roadhouse" aus dem Serien-Wiedergänger "Twin Peaks" hätten sich Bohren & der Club of Gore definitiv auch einen Auftritt verdient gehabt. Davon kündet bereits die erste gespielte Note auf "Patchouli Blue", bei der man nicht nicht an Angelo Badalamenti, den musikalischen Haus- und Hof-(Co-)Komponisten des Meisters denken kann. Wobei die gewohnte Sprachlosigkeit (keine Songtexte, kein Gesang) der Hörerschaft den nötigen Freiraum lässt, sich eigene Bilder zu zeichnen.

Dass die Musik von Bohren & der Club of Gore auf einschlägigen Streamingplattformen zur Verfügung steht, darf als kritische Intervention im Wisch-und-weg-Zeitalter verstanden werden. Die Grelle Forelle als Konzertlocation für den Wien-Termin am 22. März ist aber auch keine schlechte Wahl. Die Entschleunigung sei mit euch!