Gleich die ersten Töne verströmen "Hereinspaziert!"-Appeal: Ein Retro-Synthesizer fährt hoch, signalisiert gewissermaßen Bereitschaft, den Vollbetrieb aufzunehmen; eine sonore Stimme singt, noch im moderaten Modus, von Aufbruch, fährt dann (mittels der Wunder der elektronischen Stimmverfremdung) ebenfalls hoch - und los geht das Werkl: "We are wicked young fools / Who behave now / Back in the arms of somebody who saved us", heißt es dann gleichermaßen selbstbewusst wie herausfordernd.

"Started Out" und das noch etwas treibendere "About Work The Dancefloor" waren als singuläre Auskoppelungen repräsentative Vorboten für "Seeking Thrills", das zweite Album der gemeinhin als Georgia bekannten Sängerin, Songwriterin, Produzentin, Drummerin und Keyboarderin Georgia Barnes. Ein Album, das die - durchaus reizvolle - stilistische Disparatheit des unbetitelten, zwischen Grime, Dancefloor, Pop und ethnischen Einsprengseln mäandernden Erstlings gegen einen konsequenten Dancefloor-Sound eintauscht.

"Die erste Platte war eine Kollektion von Songs von meinen frühen Anfängen an. Diesmal wollte ich ein richtiges, ordentlich produziertes Album machen. Und ja, Tanzmusik in verschiedensten Formen von House über Techno bis zu Electro-Pop aus den frühen 80er Jahren war der Weg, dem ich folgte", erklärt die bald 30 Jahre alte Londonerin, Tochter des durch seine Band Leftfield pophistorisch aktenkundig gewordenen Elektronikers Neil Barnes, im "Wiener Zeitung"-Interview.

Nichts überstürzen

Zwischen Album Nummer eins, erschienen im Sommer 2015, und "Seeking Thrills" liegen mehr als vier Jahre. Das wäre bei einem etablierten Act praktisch nichts, scheint aber relativ lang bei einer Künstlerin im Frühstadium ihrer Karriere, in dem sich Georgia wohl noch befindet. "Ich wollte nichts überstürzen", sagt sie. "Die Sache ist die: Von diesen vier Jahren habe ich allein eines damit zugebracht, mit der ersten Platte zu touren. Die eigentliche Arbeit an ,Seeking Thrills‘ brauchte ungefähr zweieinhalb Jahre. Drei, vier Monate davon hat ,Wurzelforschung‘ in Anspruch genommen. Ich versuchte durch intensives Hören, Tanzmusik zu verstehen, und zu lernen, was für ihre Produktion notwendig ist. Und da die erste Platte die Leute nicht so recht erreicht hat, war mir für diese ein ordentlicher Sound sehr wichtig. Darin habe ich viel Zeit investiert und analysiert, was funktioniert. Und das mache ich allein - ich kann nicht zu einem Produzenten gehen und sagen: ,Bitte, hier sind die Songs, ich will, dass es so oder so klingt‘."

Letztlich hat sich genau diese Mühe gelohnt. "Seeking Thrills" ist ein formal überzeugender Longplayer, auf dem zwei, drei Songs vielleicht ein etwas prägnanteres Profil vertragen hätten, dessen vitale, von analogen Synthies und Georgias elektronischen Drums befeuerte Grooves aber einen genuin mitreißenden Sog erzeugen. Lediglich "Ultimate Sailor" stellt als schlagzeuglose, langsame Melodie-Ballade zwischendurch einmal ein Stoppschild auf. Einen besonderen Reiz entfacht das etwas exzentrische "Mellow" mit einem Gastbeitrag der Londoner Vokalistin und DJane Shygirl.

"Ich liebe Hip-Hop und wollte daher einen Hip-Hop-Song mit Nonsense-Text auf der Platte haben", erzählt Georgia. "Doch dieser Nonsense-Text reflektierte dann eine persönliche Reise. Ich hörte zu dieser Zeit zu trinken auf. Eigentlich ist ,Mellow‘ eine Ode an den Hedonismus - den ich aber nicht lebte, weil ich ja nüchtern in die Clubs ging und sie so ,anders‘ erlebte."

Unter Kontrolle

Georgia schwor nicht nur dem Alkohol (und Nikotin) ab, sondern wurde auch Veganerin. "Nach der ersten Platte hat sich viel in meinem Leben geändert, und das hat mich zeitweise überwältigt. In der Folge bin ich viel ausgegangen, habe viel getrunken und gegessen, was immer mir in den Sinn kam, und habe ziemlich zugenommen. Ich habe einfach nicht auf mich achtgegeben. Veganerin zu werden hatte vor allem damit zu tun, den Teil meines Lebens unter Kontrolle zu bekommen, der es nicht mehr war. Es half mir, meinen Kopf klar zu kriegen. Und dann nahm es auch eine ethische Dimension an."

Solchermaßen körperlich wie geistig revitalisiert, versteht sich Georgia, allein mit elektronischer Gerätschaft und Drums, auf energetische, packende Auftritte. In Wien wird man sich schon demnächst davon überzeugen können.