Weil es diesbezüglich immer wieder Missverständnisse gibt: Ja, es ist möglich, reich und schön und jung, deshalb aber auch nicht glücklich und nur zu Teilen vom Glück begünstigt zu sein.

Im Falle der als Kinder- und Teeniestar aus Film und Fernsehen bekannt gewordenen baldigen Popsängerin Selena Gomez ("Barney und seine Freunde") ist nicht nur eine hinsichtlich des Tochterruhms etwas ehrgeizige Mutter ins Feld zu führen. Auch und vor allem eine im Jahr 2014 diagnostizierte Autoimmunerkrankung und eine von Komplikationen gekennzeichnete Nierentransplantation drei Jahre später sind dafür verantwortlich, dass Selena-Gomez-Songs relativ früh die für ein ausgesprochenes Babyface interessante "Ich habe es überlebt und bin jetzt stärker denn je"-Karte ausspielen konnten. Normalerweise verbindet man diese in der Entertainmentbranche ja eher mit gut abgelebten älteren Diven im Paillettenkleid, die nach vier Scheidungen und zehn Urlauben bei Betty Ford noch einmal auf die Bühne geschoben werden, weil sich die Geschichte vom Aufstieg, Fall und Wiederaufstehen so gut verkaufen lässt.

Selbstfindung

Als Bürde und Ballast, also als nasser Sack am Rücken und dunkelgraue Regenwolke hängt über der Biografie der heute 27-Jährigen aber natürlich auch eine laut einschlägiger Fachpresse nicht ganz unkomplizierte Beziehung mit Justin Bieber, die nach ihrer Beendigung zwar bereits auf dem Album "Revival" von 2015 verdaut werden musste. Ein On-and-off-Desaster im Anschluss sorgte aber dafür, dass das Publikum auf dem nun erschienenen Nachfolgewerk "Rare" noch einmal zum Handkuss kommt. Wir sind sozusagen die unschuldigen Opfer dieses Celebrity-Gspusis, ein Kollateralschaden der Liebe - wobei Selena Gomez gegen Ende des Albums etwas zu korrigieren hat. Das erzählt sie aber nur uns, damit sie es dem Justin nicht direkt mitteilen muss: "How could I confuse this shit for love?"

Natürlich soll dann aber eh nicht der Hader im Vordergrund stehen, sondern der Blick nach vorn. Man hat es ja wieder einmal überlebt und ist dabei noch einmal stärker geworden . . . : Songs wie "Dance Again" gehen folgerichtig den heute auch im Schlager beliebten Weg der Andrea Berg ("Und heute Abend geh ich tanzen"), weil einst schon Madonna wusste, dass sich am Dancefloor nicht nur ein Neuanfang anbahnt. Als Spiegelfläche exakt jener Selbstermächtigung, von der Songs wie das Titelstück oder "Look At Her Now" zum Tanz ladend künden, hat er ohnehin immer Saison.

Okay, manchmal gabelt man auf so einem Dancefloor auch den nächsten Hallodri auf, von dem frau sich dann aber eh nur nimmt, was frau braucht, weil sie dazugelernt hat - sie ist ja auch nicht blöd: "You may not be the one / But you look like fun." Ausreißer wie das Rührstück "Lose You To Love Me", die Debüt-Nummereins der Sängerin in den US-Billboard-Charts, erzählen die Geschichte von der Selbstfindung durch den (und nach dem) Herzbruch ohnehin bereits im Titel.

Popfließband

Zum Thema Selbstermächtigung ist aber auch noch eines zu sagen: Musikalisch betrachtet würde Selena Gomez ein Mehr davon guttun. Immerhin dürfte das Album mit sage und schreibe 28 verschlissenen Produzenten(teams) auch im Bereich des Popfließbandes einen neuen Rekord aufstellen.

Ob hier überhaupt noch selbst gearbeitet wurde oder ob man erfolgreiche Versatzstücke nicht stattdessen in ein Programm zur Analyse und Weiterverarbeitung von Metadaten eingespeist hat, man weiß es nicht. Zumindest über Strecken klingt die Musik jedenfalls, als hätte sich vor allem der Algorithmus selbstverwirklicht und zur Abwechslung eine Dosis Schlafzimmer-R&B, Latino-Folklore oder French-House in das Pop- und Dancepop-Allerlei hineingerechnet. Die Hauptbedingung für Heavy Rotation im globalen Formatradio ist bekanntlich, dass die Musik nicht weiter auffallen sollte. Mission accomplished.