Es liegt wohl in der Natur der Sache: Je älter man wird, desto mehr blickt man auf das Vergangene. Das dürfte auch bei Bands so sein. Die englische Band Wire, die heuer ihr 44-jähriges Bestehen feiert, fährt zumindest gut damit.

Die meisten Bandmitglieder von Wire zählen ja nicht unbedingt zu den Jüngsten. Bis auf Gitarrist Matthew Simms sind die drei Gründungsmitglieder Colin Newman, Graham Lewis und Robert Grey jeweils älter als 65 Jahre. Und sie geben auch auf ihrem neuen Album, "Mind Hive", das wieder, was sie seit Jahrzehnten perfekt praktizieren: Minimalismus, Prägnanz und Stop-and-Go, gekoppelt an Energieschübe. Wire spielen Wire: So kann man deshalb grob auch ihr 17. Studioalbum zusammenfassen.

Fast ohne Pause ist die Band seit 1976 am Werk. Ihren ersten Tonträger, "Pink Flag", hat die Band 1977 veröffentlicht, seit 2000 ist dies auch der Name ihres Labels. Es folgten kurz darauf zwei weitere Meilensteine, nämlich "Chairs Missing" (1978) und "154" (1979). 1981 wurde noch das Live-Album "Document And Eyewitness" nachgelegt, bestehend aus Song-Schnipseln und Lärmteppichen aus ihren legendären ersten Konzerten.

Das Album wurde damals von der Presse unter anderem als "unkenntliche Rockmusik" quittiert. Ein paar Jahrzehnte später diente es wiederum als Vorlage für das Wire-Album "Change Becomes Us" (2013): Die alten Tracks wurden mit Melodie und Rhythmus klar strukturiert, aus den Schnipseln von früher wurden schnurstracks Songs. Auch das gefiel nicht jedem.

Dass bei Wire mittlerweile die Experimentierfreudigkeit dem Hang zum Pop gewichen ist, fällt vor allem auf den Abgang von Gitarrist und Gründungsmitglied Bruce Gilbert zurück. Er verließ das Quartett 2008 im Streit, wie es hieß, und mit ihm ging auch der wesentliche Impulsgeber für Lärm, Erfindungsreichtum und Experimente dahin. Seither ist bei Wire die Luft ein wenig draußen und die brachiale Brillanz passé. Wires Alben sind ohne Gilbert bei weitem nicht mehr so spannend, vielseitig, antreibend und intensiv. Hochgeschwindigkeitssongs wie am letzten gemeinsamen Tonträger ("Send", 2003) oder auf den ein Jahr davor erschienenen EPs "Read And Burn" sucht man seitdem vergeblich.

Auf "Mind Hive" kommt der frühen Energie noch am ehesten das Eröffnungsstück nahe. Auf "Be Like Them" gehen die Gitarren von Newman und Simms ständig in- und wieder auseinander, die einfachen Chords machen dem pointierten Bass gehörig Druck. Und das alles ist mit viel Moll versehen. "Cactused" spielt wiederum mit dem für die Band so typischen Stop-and-Go, das durch die abrupten Pausen für neue Energieschübe sorgt, während "Primed And Ready" komprimiert und trotzdem antreibt.

Dunkle Geschichten

In den rund 35 Minuten schöpfen Wire aus ihrer breiten Palette an Stilelementen: repetitive Rhythmen, Hi-Hat-Reduktionismus, Minimalismus, Bollwerke von verzerrten, kratzig und kalten Gitarrenklängen, harte Bass-Schläge sowie Spannung und Entspannung. Und sie bedienen sich auch alter, wiederentdeckter Lyrics aus dem Jahr 1977. Daneben durchziehen dunkle Geschichten das Album. Im Song "Oklahoma" zum Beispiel singt Lewis gar von einem "sexy Leichenwagen". Bei "Off The Beach" wiederum gibt es nicht nur musikalisch ein abruptes Ende, auch der beschwingte optimistische Melodiemix aus elektronischen und akustischen Gitarren entpuppt sich als trügerisch, wenn das besungene bunte, fröhliche Treiben am Strand tote Obdachlose nicht vergisst.

Elegisch ist im letzten Track nicht nur der Text: Zum einen besingt Newman in "Humming" mit einem Schuss Unschuld den Zustand der Welt, zum anderen ist dank zarter Keyboards die Musik von fragiler Schönheit. Und mittendrunter wirft im Song "Shadows" nicht nur die Vergangenheit Schatten, sondern auch die Zukunft.