Irgendjemand hat das einmal gesagt, und trotz ungewisser Quellenlage ist das Zitat quasi nicht umzubringen, wenn es etwa darum geht, Rache am Genre des Musikjournalismus zu üben: "Über Musik zu schreiben ist wie über Architektur zu tanzen." Dabei hätte man auch beim Philosophen Friedrich Schelling oder bei Arthur Schopenhauer nachlesen können, die mit ihren Definitionen von Architektur als "erstarrter" beziehungsweise "gefrorener Musik" eine direkte Verbindungslinie gefunden haben, die Gegenteiliges nahelegt.

Abgesehen vom Thema der Raumakustik und der Aufführungsstätte als Repräsentationsort spätestens seit dem Siegeszug der Oper und ihrer Häuser, also der sogenannten E-Musik und ihrer Paläste, bevor es in New York zur Eröffnung einer Punkerhütte namens CBGB kommen sollte oder die Techno-Bewegung in Berlin durch einen adäquat benannten Club namens Bunker tanzte:

Gerade popkulturell singt man von dieser Verbindungslinie ja ein Lied, seit Simon & Garfunkel eine Ikone der Baukunst akustisch in Zement gossen ("So Long, Frank Lloyd Wright") oder sich Bands klingende Namen verliehen, die mehr als eine gewisse Nähe zum errichtenden Gewerbe artikulieren. Die nach der 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründeten Kunstschule Bauhaus getaufte Post-Punk-Band Bauhaus und die einst eher dekonstruktivistisch ausgerichteten Einstürzenden Neubauten aus Berlin sind an erster Stelle zu nennen. Aber auch ausführende Organe (The Carpenters) und Nachgeborene, die einen Berufszweig (Architect), dessen Verwirklichung in fremden Städten (Architecture in Helsinki) oder seine konkreten Erzeugnisse (The Japanese House, Palace) adressieren, fallen einem ein.

Behübschte Leerstellen

Kann man ästhetische Formenstrenge und niederländisches Design in den Farben Rot, Weiß und Schwarz mit dem Blues aus dem Mississippi-Delta zusammenbringen? Man kann. Die White Stripes haben den Grundstein dafür mit ihrem Album "De Stijl" gelegt, das sich im Jahr 2000 von der gleichnamigen Künstlervereinigung um Architekten wie Gerrit Rietveld beeinflusst zeigte. Und erst 2019 durfte man sich anlässlich des Mauerfalljubiläums an den David-Bowie-Klassiker "Heroes" erinnern - "Die Mauer im Rücken so kalt" -, dessen Kulisse im Zusammenspiel mit der Zeitgeschichte buchstäblich untermauert, wie Architektur auf den Menschen wirkt.

Aktuell liefert mit Nicolas Godin die eine Hälfte des französischen Duos Air Nachschub zum Thema. Sein neues Soloalbum "Concrete And Glass" (Caroline/Universal) huldigt zwei Materialien, die die Baumoderne bestimmen. Der Mann hat immerhin ein Architekturstudium abgeschlossen, was ihn von Roger Waters, Nick Mason, Richard Wright und ihrem Studienabbrecher-Kollegen von der Sprachwissenschaft, David Gilmour, unterscheidet, deren außeruniversitäre Diplomarbeit in Gestalt des Pink-Floyd-Albums "The Wall" vorliegt.