Als sich die britische Band Depeche Mode im Jahr 1980 gründete, um mit schlechten Frisuren, eigentümlichen Outfits und Keyboards statt Gitarren möglichst alles zu machen, außer im herkömmlichen Wortsinn zu "rocken", waren diverse Dinge noch nicht absehbar. Dazu gehört nicht nur, dass die Band entgegen ihrem einstigen Plan, für das einflussreiche Mute-Label von Daniel Miller nur eine Synthie-Pop-Single aufzunehmen, auch im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts noch auf der Bühne steht, um mit Best-of-Konzerten im Vierjahrestakt die Mehrzweckhallen und Fußballstadien des Erdballs zu - ja, rocken.

Auch der Einsatz einer Stromgitarre durch Lockenkopf und Chef-Songwriter Martin L. Gore spätestens seit Albumklassikern wie "Violator" (1990) und vor allem "Songs Of Faith And Devotion" (1993), der das branchentypische Vermeiden des Ruhestands nach einem Befall mit dem Rolling-Stones-Syndrom auch optisch in klassischere Bandbahnen lenkte (von den dazu gut passenden Ablebungserscheinungen aus einer Phase der Ausschweifung einmal ganz abgesehen), wäre zu nennen.

Schläge mit dem Stahlhammer

Außerdem sitzt mit dem Österreicher Christian Eigner dem im Vordergrund das "Fit mach mit"-Programm von Ilse Buck vorturnenden Tanzbären und Sänger Dave Gahan seit auch schon wieder rund zwanzig Jahren sogar ein echter Schlagzeuger im Rücken. Der durfte und darf die ursprünglich verwendeten Tape-Maschinen ersetzen, die seit den frühen Sampling-Experimenten des in der Mauerstadt Berlin abgemischten Albums "Construction Time Again" (1983) um an Werkhallen erinnernde Stahlhammerschläge ergänzt wurden, an denen eine Begegnung mit den diesbezüglich deutlich radikaleren Einstürzenden Neubauten ("Hören mit Schmerzen") nicht gänzlich unbeteiligt war.

Die Depeche Mode gegenüber lange Zeit ablehnende Haltung der (britischen) Musikpresse und die frühe Inkarnation als zwar rockende (also gut fahrende, sagen wir: leiwande), aber eben nicht "rockende" (im Sinne von AC/DC, "Hells Bells" und bitte noch sechs Bier für mi und den Gertschi!) Band mögen nun zwar vielleicht für gemischte Gefühle angesichts der Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame im Mai dieses Jahres sorgen. Allerdings befinden sich unter den weiteren Neuankömmlingen in der Ruhmeshalle in Cleveland, Ohio, die Acts wie die Doobie Brothers oder Trent Reznors von Depeche Mode hörbar mitbeeinflusste Nine Inch Nails inkludieren, mit Whitney Houston und Rapper Notorious B.I.G. zumindest zwei Acts, die im Rock-Sinne definitiv noch viel weniger rocken.

Anlässlich der aktuellen Arbeitspause nach dem zuletzt erschienenen, überraschend politisch ausgerichteten Album "Spirit" (2017) und der anschließenden Welttournee können die Verdienste der Band derzeit jedenfalls mit rezenteren Archivveröffentlichungen und Hommagen überprüft werden. Nachdem der Konzertfilm "Spirits In The Forest" unter Regie von Anton Corbijn gerade erst im Kino zu sehen war, soll der Haus- und Hofregisseur der Band heuer auch noch mit einem Fotoband Einblicke in nunmehr vier Jahrzehnte lebendige Popgeschichte geben.

Das Gesamtwerk von Depeche Mode in Form des Boxsets "Mode" wiegt knapp zwei Kilogramm und kommt zappenduster daher.
Das Gesamtwerk von Depeche Mode in Form des Boxsets "Mode" wiegt knapp zwei Kilogramm und kommt zappenduster daher.

Neu zu beziehen ist außerdem erstmals eine Gesamtausgabe, die soeben unter dem Titel "Mode" (Sony Music) erschienen ist und alle 14 Studioalben ab dem noch hauptsächlich von Vince Clarke (Yazoo, Erasure) geschriebenen Debütalbum "Speak & Spell" (1981) sowie vier Alben mit B-Seiten und Non-Album-Singles wie die erste Aufnahme mit dem später soundbestimmenden ehemaligen Keyboarder Alan Wilder ("Get The Balance Right", 1983) und Preziosen wie das gewohnt sinnlich-sündige "Only When I Lose Myself" (1998) beinhaltet.

Im Malewitsch-Look

Aber auch Martin Gores 2015 auf dem Soloalbum "MG" wiederentdecktes geschicktes Händchen für Instrumentalatmosphären ("Easy Tiger", "Zenstation") oder rare Ausflüge der Band ins Reich der Coverversionen ("Dirt" von den Stooges!) sind dokumentiert. Geliefert wird das Ganze als knapp zwei Kilo wiegende Blackbox im minimalistischen Malewitsch-Look, die man im Großhandel ab stolzen 210 Euro erwerben kann - ein 228-Seiten-Buch mit sämtlichen Songtexten sowie Albumcovers und Fotos inklusive.

Wir hören Klassiker der Moderne, auf die die ironische Selbstkritik "Pain and suffering in various tempos" zutrifft. Ein Kreis wird übrigens mit dem 2016 aufgenommenen und jetzt erstmals physisch veröffentlichten David-Bowie-Cover "Heroes" geschlossen: Es ist der Song, mit dem Martin Gore, Andrew Fletcher und Vince Clarke den jungen Dave Gahan im März 1980 erstmals singen hörten. Der Rest ist Geschichte.