Selten hat eine Pop-Band sich selbst so treffend auf eine griffige Formel gebracht, wie dies die Pet Shop Boys im Song "Left To My Own Devices" mit der Zeile "Che Guevara and Debussy to a disco beat" tun: Hedonismus, kulturelles und politisches Bewusstsein führen im Werk des erfolgreichsten Duos der Pop-Geschichte eine friedliche Koexistenz.

Die Pet Shop Boys haben nie ihren Massen-Appeal vernachlässigt - davon legen über 100 Millionen verkaufter Tonträger Zeugnis ab -, aber immer auch das Feuilleton auf Trab gehalten. Wer sonst würde es sich leisten, seinen ersten Hit ("West End Girls" von 1984) mit den Zeilen "Sometimes you’re better off dead" zu eröffnen, Vorstadt-Tristesse in Zuckerwatte zu verpacken ("Suburbia") oder das Schlager-Thema Nr. 1 (selbst-)ironisch als ein Hirngepinst des saturierten Bürgertums ("Love Is A Bourgeois Construct") zu verwerfen?

Hommage an Berlin

Auch "Hotspot", die neue, insgesamt 14. LP von Neil Tennant und Chris Lowe, schafft es, Tanzbein wie auch Kopf zu stimulieren. Themen wie die Flüchtlingskrise, Homosexualität und geplatzte Lebensträume werden angeschnitten. Zuallererst aber ist "Hotspot" eine Hommage an Berlin. Tennant und Lowe haben hier schon öfter aufgenommen und Tourneen gestartet; seit Längerem haben sie hier eine Wohnung mit kleinem Studio und nehmen, wie mehrere Texte des Albums belegen, regen Anteil am Leben der Stadt.

Formal ist "Hotspot" der Abschluss einer von Stuart Price produzierten LP-Trilogie, die 2013 mit "Electric" begann, 2016 mit "Super" fortgesetzt wurde und - nachdem die Pet Shop Boys um die Millenniumswende schon stark Richtung konventionelles Band-Format gedriftet waren - sich einem strikt puristischen Elektronik-Design verschreibt. Bei "Hotspot" zeigt dieses Konzept allerdings insofern schon wieder Risse, als just sein schönster Song, "Burning The Heather", maßgeblich von der Gitarre Bernard Butlers getragen wird.

Auch die Produktion ist nicht so konsequent digital wie bei den Vorgängern. Grund dafür ist, dass man in den ehrwürdigen Hansa Studios, wo weiland schon David Bowie zu Werke ging, aufgenommen hat. All die betagte Gerätschaft, die dort herumstand, habe natürlich sofort zum Bespielen eingeladen. "Hotspot" sei auch, so Neil Tennant, das am stärksten songbasierte Album der Trilogie. Allerdings gibt es da ein kleines Problem. Denn maximal die erwähnte Ballade "Burning The Heather" - im Herbst verbrennt man in Teilen Englands Heidekraut, um den Boden zu düngen - kann mit den besten Songs von Tennant/
Lowe mithalten.

Die Tracks, die daneben am stärksten überzeugen, verdanken ihre Attraktivität in erster Linie dem Tanzboden-Appeal: Das treibende und zugleich anrührende "I Don’t Wanna" trägt die Handschrift des Produzenten Price und seiner Arbeit für Madonnas gleichermaßen Dance-lastiges wie durchaus emotionales Album "Confessions On A Dance Floor". Der gallige Partytrack "Monkey Business" fährt gut im Sog eines aufgeweckten Funk-Rhythmus.

Happy End

Bei "Dreamland" mit der Band Years & Years offenbart sich dagegen das alte Problem, dass das Minimal-Pop-Format der Pet Shop Boys bei mangelhafter oder suboptimaler melodischer Unterfütterung schnell abfällt. Bemerkenswert ist allenfalls der Text, der aus der Sicht von Migranten eine (Erlösungs-)Utopie zeichnet, die um ihren utopischen Charakter weiß.

Eingangs aber wird - eingerahmt in eine an den Autor Christopher Isherwood angelehnte Geschichte eines Wiedersehens nach vielen Jahren - Berlin vorgestellt. Tennant preist die U1 (mit genauer Angabe der Streckenführung von der Uhlandstraße bis zur Warschauer Straße) als "party train", begeht dann allerdings auch noch die Tollkühnheit, auf ihre unterschiedlichen Levels (unter- und oberirdisch) hinzuweisen und damit Erinnerungen an den unübertrefflichen Element-of-Crime-Song "Alle vier Minuten" zu wecken.

Und in "Wedding In Berlin" wird zu einem mit Glockenläuten und dem "Hochzeitsmarsch" von Felix Mendelssohn Bartholdy durchbrochenen Beat geheiratet. Dass "Wedding" auch ein Berliner Stadtteil ist, ist natürlich eine vorsätzliche Bedeutungsmultiplikation, ohne dass diese im Text näher ausgeführt würde. "Da es am Ende des Albums steht, hat dieses ein Happy End - und eine finale Referenz an Berlin", erklärt Neil Tennant.