Die aktuelle Erkenntnis zuerst: Dafür, dass Billie Joe Armstrong zumindest schon vier Arbeitsjahre auf dem Buckel hatte, als man ihn 1994 beim Aufmischen des Schulhofs mit dem Teenage-Angst- und Spaß-Punk-Hit "Basket Case" kennenlernte - und ganz abgesehen von der einen oder anderen in mittlerweile drei Jahrzehnten Bandkarriere vorgeturnten Eskapade -, sieht der Mann noch immer erstaunlich jugendlich aus.

Begünstigend kommt neben dem frühen Eintritt ins Erwerbsleben (mit heute erst 47 Jahren ist der Vorruhestand noch in weiter Ferne) hinzu, dass der Green-Day-Sänger und -Songschreiber dem Spaß-Punk nach wie vor so weit verpflichtet ist, dass er - aktuelle Pressefotos belegen es - auch im Stadium jenseits der durchschnittlichen Midlife-Crisis noch von Berufs wegen Faxen machend durch die Gegend schlawinern darf. Ein dazu passender neuer und für die aktuelle Generation der jungen Leute von heute als möglicher Partykracher zum Mitgrölen gereichter Song kommt mit entsprechend auch gar nicht erst altersweise gebrochenen Zeilen wie "I was a teenage teenager / full of piss and vinegar" daher.

Triple-Pack im Stadion

Warum auch erwachsen, alt, zu vor sich hin vegetierendem Gemüse, angepasst oder gar vernünftig werden? Immerhin dreht sich auch das nun erscheinende 13. Album der Band in Eigenbeschreibung darum, "keinen Fick zu geben". Pardon his French: Billie Joe Armstrong ist der Meinung, dass "der Rock ’n’ Roll seine Eier verloren" hätte und bläst nun zumindest in strategischer Hinsicht kreativ zum Gegenangriff. Immerhin wird mit den zehn in knapp 26 Spielminuten eher unambitioniert hingeschluderten Songs von "Father Of All Motherfuckers" kolportiertermaßen husch-husch aus dem bestehenden Plattenvertrag geflüchtet.

Außerdem braucht es ja auch einen Grund dafür, wieder auf eine dem Fanglück ohnehin verlässlicher zuarbeitende Welttour zu gehen. Im Rahmen derer sind dann für gutes Eintrittsgeld nach einer eh wieder nur für ein paar Netsch gestreamten Begleiterscheinung mit mühsam abgerungenen neuen "Ideen" auch die Hits inklusive. In Wien wird man sich davon überzeugen können, wenn Green Day am 21. Juni im Triple-Pack mit den Kollegen Weezer und Fall Out Boy (!) im Ernst-Happel-Stadion gastieren.

Ach ja: Nach der für MTV in der Hochblüte durchkommerzialisierten Punk-Neudeutung von Hits wie besagtem "Basket Case" hat die Band bereits 1997 mit dem Song "Good Riddance (Time Of Your Life)" entdeckt, dass sie mit herbstzeitlich bekränzten Streichern statt Stromgitarren auf Dreiakkordbasis auch tatsächliche Songs schreiben kann - und dass es sich manchmal sehr wohl auszahlt, nachdenklich und reflektiert sowie dann doch ein bisschen angepasst und vernünftig zu sein. Mit Songs wie "Boulevard Of Broken Dreams" oder "Wake Me Up When September Ends" haben sich Green Day mit zwei Dauerbrennern in die Geschichte des globalen Formatradios eingetragen.

Weltflucht durch Party

Wir sprechen von Musik, die also auch auf dem nicht gerade für Punkrock im herkömmlichen Sinn oder den Kampf gegen das System oder den Klassenfeind bekannten Hitradio Ö3 rotiert. Andererseits haben Green Day mit dem ambitionierten dazugehörigen Album "American Idiot", im Jahr 2004 durch die US-Invasion im Irak inspiriert, auch ernstere Inhalte in ihre Shows eingespeist, die in Mehrzweckhallen und auf Festivalarealen ansonsten dem gängigen Entertainmentkonzept der Weltflucht durch Party folgen.

Auf "Father Of All Motherfuckers" hinterlässt die Politik nun nur mehr im Abschlusssong ihre Spuren. "Graffitia" behandelt die Fabriksschließungen im Rust Belt in den 1980er Jahren sowie Polizeigewalt an jugendlichen Afroamerikanern in Chicago. Der Rest sind gerne kaum dreiminütige Punkrockbretter im keimfreien Studiosound, die etwas Garagen- mit etwas mehr Glamrockeinschlag verbinden, nun auch kurz bei Motown vorbeischauen und sich mit hymnischen Passagen dazwischen zwar auf jeden Fall für die Stadiontour eignen werden, der Plattenfirma - oh nein! - aber kein letztes Geschenk in Hitform mehr hinterlassen.

Musik als Vertragserfüllung, für die es schon den großen Little Richard braucht, um an die historischen Möglichkeiten des Rock ’n’ Roll zumindest erinnert zu werden. Dabei besagt die Vorarbeit ("Tutti Frutti", "Lucille" . . .) hinter einem Song namens "Stab You In The Heart", dass alles so einfach sein könnte - wäre es bloß nicht so kompliziert: "Womp-bomp-a-loom-op-a-womp-bam-boom."