Es ist an dieser Stelle bereits einmal festgestellt worden, dass es den Tatbestand der Hochstapelei erfüllt, die New Pornographers als Indie-Supergroup zu bezeichnen. Außer ein paar in alle Winde versprengten Indie-Nerds wusste niemand, welchen Aktivitäten die drei Protagonisten A.C. Newman, Neko Case und Dan Bejar nachgegangen waren, ehe sie Anfang der Nullerjahre im Ensemble mit einer Art Operetten-Punk buchstäblich Furore machten. Vielmehr strahlte dann die Reputation der Band auf die Soloaktivitäten der Hauptakteure und befeuerte insbesondere die Karriere von Neko Case als Weird-Country-Star.

Dan Bejar hatte unter ihnen allen von Anfang an die stärkste Eigen-Identität. Als die Pornographers 2000 mit dem Album "Mass Romantic" debütierten, hatte er mit seiner Band Destroyer bereits drei LPs veröffentlicht und gerade eine vierte am Start. Auf den Alben der New Pornographers hatte er meist um die drei Beiträge, die sich in ihrer individualistischeren Ausrichtung oft ziemlich von Newmans üppig-eingängigen Power-Pop-Suiten unterschieden. Er schien auch nie so richtig zur Band zu gehören, obwohl es keineswegs so wirkte, als herrsche besonders dicke Luft zwischen ihm und den anderen. Seine Konzentration schien halt von anderen Dingen in Beschlag genommen, das war alles.

Spätestens als Destroyer 2011 mit ihrem neunten (!) Studio-Album "Kaputt" die Kritiker begeisterten und auch ein breiteres Publikum erreichten, schien Bejars endgültiger Exodus nur mehr eine Frage der Zeit. Bei den letzten beiden New-Pornographers-Alben war er denn auch tatsächlich nicht mehr an Bord. Es wird zwar in Aussicht gestellt, dass er irgendwann in den Schoß der Großfamilie zurückkehren könnte, aber wahrscheinlich ist das auf absehbare Zeit eher nicht. Zumal Destroyer gerade ein neues Album am Start haben, das die Rezensenten ähnlich umwirft wie "Kaputt".

Groteske Inhalte

Es ist schwierig, den brüchigen Reiz von "Have We Met", wie das zwölfte Destroyer-Album betitelt ist, zu beschreiben. Es ist grundsätzlich schwer, den 1972 in Vancouver als Sohn eines früh verstorbenen spanischen Physikers geborenen Dan Bejar schlüssig zu beschreiben: Er sieht aus wie wahlweise ein Operntenor oder Maler im portugiesischen Künstler-Exil. Aus einer völlig anderen Welt, der des Glam-Rock, scheint seine hohe Stimme herzukommen, in der öfters einmal der David Bowie der Phase zwischen "The Man Who Sold The World" und "Ziggy Stardust" durchklingt. Ihr oftmals süffisanter Tonfall legt den Eindruck nahe, als könne sich der sinistre Künstler nur mit größter Anstrengung ein Lachen verkneifen. Aber worüber? Über die Absurditäten des Lebens? Die grotesken Inhalte, die er seinem Publikum zumutet?

Die ersten Zeilen von "Have We Met", in voller Pracht ins Deutsche übersetzt: "Ich war wie der faulste Fluss / ein Geier, prädestiniert, von Böden zu essen / nein, warte, ich nehme das zurück / ich war eher wie ein Ozean, der in Spitals-Korridoren steckengeblieben ist." An anderer Stelle: "Schau dir nur die Welt um dich an / das heißt nein, schau lieber nicht."

Es liegt in der Natur dieses Vexierspiels mit Sinneseindrücken, wohl auch Wahnvorstellungen, Ver- und Irreführungen, dass darin auch Pop-Titel wie "Smoke Gets In Your Eyes" oder "Hole In My Pocket" wie klassische Referenzen an das Gewerbe zitatweise Eingang finden. Die "Grand Ole Opry", die ehrwürdige Country-Radio-Show aus Nashville, verwandelt sich in eine "Grand Ole Opry of Death". Daneben geht sich in "The Television Music Supervisor" auch noch der für einen Indie-Musiker fast obligatorische Seitenhieb auf Institutionen musikindustrieller Fließband-Produktion aus.

Auf "Have We Met" sind Destroyer, meist ein relativ üppig bestücktes Ensemble, nur zu dritt. Neben Bejar, dessen Agenden die Synthesizer waren, und Produzent John Collins, der genug Arbeit mit den Ideen und Launen des Protagonisten hatte, ist Nicolas Bragg dabei: Seine Gitarre, die etwas an David Bowies langjährigen Begleiter Adrian Belew erinnert, fräst sich durch Flächen von Synthies, Keyboards und Percussion, setzt Leuchtsignale, zieht das Tempo an oder stellt Stoppzeichen auf. Auf dass sich der Nebel, der sich manchmal über die Texte legt, musikalisch wieder lichte.