Der dringlichste Protestsong der jüngsten Zeit wurde im Herbst des Vorjahres geschrieben und am 23. September beim UN-Klimagipfel in New York uraufgeführt. Er fällt in die Kategorie "Spoken Word", trägt den von einem 1976 erschienenen Album der britischen Band 10cc geborgten Titel "How Dare You!" und präsentierte eine junge aufstrebende Fachkraft des Protestlieder-Genres namens Greta Thunberg beim verbalen Unternehmen, alles anzuzünden.

Die Abrechnung mit einer ganzen Generation von Problem-Urhebern und -Verwaltern und eine Kopfwäsche für die Politik und die Mächtigen dieser Welt wurde vordergründig zwar als Klimaaktivistinnen-Rede (miss)verstanden. Dabei stachen die musikalischen Qualitäten der mit einer Dauer von vier Minuten in der Idealzeit für einen durchschnittlichen Popsong angesiedelten Ansprache einschlägigen Experten sofort ins Ohr.

Wie die Faust aufs Auge

Der blöderweise definitiv der Generation der Boomer, also der Problem-Urheber und -Verwalter angehörende britische Big-Beat-Gewinnler Norman Cook alias Fatboy Slim etwa wusste einen Teil daraus für seinen alten Hit "Right Here, Right Now" als Sample zu instrumentalisieren. Vor allem aber begeisterte ein gewisser John Meredith mit einer auf YouTube gestellten Death-Metal-Version, die Greta Thunberg also in ein Umfeld versetzte, das Laien eigentlich an langhaarige männliche Schweden in bodenlangen Ledermänteln erinnert. Die grunzen Konventionen des Fachs entsprechend bekanntlich in der Gegend herum, während sie bei einem Fackelzug die Dorfkirche niederbrennen oder sich (von wegen Opfergabe!) an den Eingeweiden heidnischer Jungfrauen delektieren. U-arrgh! Von Greta Thunberg verwendete Wörter wie "dying", "suffering", "collapsing" und nicht zuletzt "mass extinction" passten dazu ohnehin wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

These: Wenn es auf dieser kranken und erheblich kaputten Welt bereits Kabarettisten braucht, die die Aufgaben der (außerparlamentarischen) Opposition besser erfüllen als deren eigentliche Vertreter, könnten Aktivisten auch die besseren Protestsonglieferanten sein. Die Musikindustrie ist ohnehin ähnlich verloren wie die Sperrzone um Fukushima für die Umwelt. Und an die Entwicklung der Widerstandsgenres von einst will man ohnehin nicht erst denken.

Hip-Hop? Der erfolgreichste Act der letzten 15 Jahre kommt aus dem Celebrity-Milieu und rappt jetzt im Auftrag Gottes. Techno? Wozu nach dem Mauerfall brachliegendes Gemäuer vulgo Leerstand betanzt wurde, ziehen sich Rich Kids im Trendclub heute Kokain ins Gehirn. Von der durch Kiffen entweder protestfaul, paranoid, homophob oder alles auf einmal gewordenen Reggae-Community ("One love!") und den in einer Art Dauerfasching vor allem noch als Hundehalter mit Bierdose präsenten Punks sowieso ganz zu schweigen. Folksongs? Bartträger mit Männerdutt singen über ihr zerbrechliches Innenleben, weil das im Regelfall besser funktioniert als die Sache mit Tinder.

Wienerisch motschkern

Als Ausnahme von der Regel ist aber immerhin noch der alljährlich im Wiener Rabenhof Theater abgehaltene Protestsongcontest ins Feld zu führen. Wie man sich am kommenden Mittwoch wieder zur Erinnerung an die Februarunruhen des Jahres 1934 überzeugen wird können, ist hier bei qualitativen Schwankungen zumindest der Wille vorhanden.

Es geht zwischen heiligem Ernst um des Anliegens willen und der aus psychohygienischen Gründen absolut nötigen Dosis Humor um das Ja zum Nein - sowie darum, dem System eine aufzulegen. Dafür nimmt man heute sogar freiwillig ein Mehr an bundesdeutsch gefärbten Texten in Kauf (unser Beitrag zur Toleranz!), das die schöne Art, auf gut Wienerisch gegen die Umstände anzumotschkern, längst in die Ecke drängt. Dafür geht es zwischen billigen Hip-Hop-Beats, innigem Ausdruckssoul, etwas Chansonrock mit Zirkusgitarre und dem Ansatz eines Dancetracks als kritische Intervention nicht nur um Unterdrückung, Rassismus, Vorurteile oder Umweltzerstörung - sondern mitunter auch um unsere eigene Rolle darin.

Das Thema Kulturförderung als herzliches "Fuck you!" aus Oberösterreich in Richtung KTM Motohall rundet die Themenpalette ebenso ab wie die Erkenntnis, dass manchmal auch ein Ja zum Ja in Ordnung ist - wenn es etwa um das Ermöglichen und um den Zusammenhalt geht. Schließlich erinnert ein Beitrag auch an das Engagement und die Lebensphilosophie der Flüchtlingshelferin Ute Bock: "Wer hilft, der ist nicht gut / Wer hilft, der ist normal."