Richard Wagner hat es getan. Und es sogar zugegeben. "Sie werden sich wiederhören", schrieb er Franz Liszt in einem Brief. Wagner stellte dem Kollegen damit nicht etwa in Aussicht, dessen Musik aufzuführen. Nein, er tat ihm launig kund, dass er in Liszts Noten für seine eigenen Zwecke gewildert hatte.

Plagiieren nennt man das heute, oder brutaler gesagt: stehlen. Die Ära der klassischen Tonsetzer kannte allerdings noch kein Copyright. Darum konnte ein Mozart unbeschwert eine Akkordfolge von Händel aufgreifen (für den Anfang seines Requiems), ein Beethoven im "Fidelio" eng an Mozart anknüpfen, ein Richard Strauss im "Rosenkavalier" einen Josef-Strauß-Walzer recyceln: Dieses Vorgehen stand nicht im Ruch eines Verbrechens. Und es konnte durchaus für einen kreativen Mehrwert sorgen. Denn die Wiederverwertung ging oft mit einer Weiterentwicklung des Originals einher. Mitunter machte das Material im neuen Zusammenhang aber auch einfach mehr Effekt - wie Wagners "Schicksalsmotiv", das er aus Gaspare Spontinis Oper "La vestale" stibitzt hatte.

Unverschämte Raubzüge

Das soll nicht bedeuten, dass jeder Musikbeutezug künstlerisch wertvoll ist. Geschweige denn moralisch integer. Manche Melodie ist schlicht geklaut worden, um damit am Popmarkt möglichst flächendeckend zu reüssieren. Deshalb ist das Diebesgut in solchen Fällen nicht verfeinert, sondern zur Allerweltskopie verflacht worden. Ein Beispiel lieferte die französischstämmige Gruppe Kaoma. 1989 macht sie mit dem Exotik-Tanzhit "Lambada" Furore. Die wahren Urheber saßen in Bolivien: Jahre zuvor hatte die Folklore-Truppe Los Kjarkas ein melancholisches Lied namens "Llorando se fue" ("Weinend ging sie") geschaffen. Nach zähem Rechtsstreit boxte sie eine Erfolgsbeteiligung an der Hochglanz-Kopie und die Anerkennung ihrer Autorenschaft durch. Ein anderer, bizarrer Fall: die Verwandlung eines Stücks Avantgarde-Rock in Sexfilmmusik. Robert Fripp, Leiter der britischen Band King Crimson, dürfte nicht schlecht gestaunt haben, als er sein Instrumental "Lark Tongues in Aspic, Part Two" glattgebügelt im Sylvia-Kristel-Streifen "Emmanuelle" (1974) wiederhörte. Eine Chuzpe, aber auch ein Glücksfall für Fripp: Die außergerichtliche Einigung dürfte ihm ein erkleckliches Sümmchen beschert haben.

Die Waffe in derlei Konflikten ist das Urheberrecht: Es stärkt den David gegen den scheinbar übermächtigen Goliath. Ein Plagiatsopfer kann auf Unterlassung klagen (also die weitere Verbreitung der Kopie unterbinden lassen) sowie Schadenersatz fordern, erklärt der Rechtsanwalt Rainer Herzig von der Kanzlei Preslmayr. Der Schadenersatz kann dabei in der Form erfolgen, dass der Kläger eine Beteiligung an den Tantiemen des strittigen Stücks erhält. Erst wenn ein Komponist 70 Jahre unter der Erde ruht, dürfen sich diebische Elstern ungestraft an seinem Werk bedienen.

Verhilft das Recht aber immer der Gerechtigkeit zum Sieg? Neue Fälle in den USA lassen Zweifel aufkommen. Es häufen sich Plagiatsklagen mit dürftigen Argumenten, berichtet die "New York Times". Die Entwicklung werde durch ein Urteil aus dem Jahr 2015 befeuert: Damals ist der Tanz-Hit "Blurred Lines", geschrieben von einem Team rund um Pharrell Williams, als Plagiat von Marvin Gayes "Got To Give It Up" eingestuft worden. Ein überraschendes Urteil, gelinde gesagt. Zwar wirkt der soulige Disco-Beat von "Blurred Lines" wie fotokopiert. Melodie, Harmonieverlauf, Text und Hookline ("Hehe-he!") haben aber kaum etwas mit dem angeblichen Vorgänger zu tun. Gayes Rechtsnachfolger kamen dennoch in den Genuss von 5,3 Millionen US-Dollar (4,8 Millionen Euro).

Vorwürfe wegen Lappalien

Bald dürfte der Oldie unter den Plagiatsprozessen neu aufgerollt werden: Seit Jahren behauptet die Band Spirit, eine Fußnote der Musikgeschichte, ihr Lied "Taurus" sei für die Led-Zeppelin-Ballade "Stairway To Heaven" Pate gestanden. Wie schwach der Vorwurf ist, erklärt der Musiker und Pädagoge Rick Beato in seinem YouTube-Kanal. Erstens gehe es nur um eine kurze Gitarrenpassage am Anfang; zweitens beruhe dieser Ausschnitt auf einem beliebten Muster unter Songschreibern: einer Akkordfolge mit chromatisch abfallendem Bass. Auf dieser Grundlage, so Beato, könnten auch Taurus geklagt werden - nämlich von Duke Ellington, Richard Rodgers und den Beatles. Die haben in "Sentimental Mood", "My Funny Valentine" sowie "Octopus’s Garden" ja die gleiche Harmonieschablone verwendet.

Natürlich: Es ist nicht Sache von Kommentatoren und Journalisten, strittige Rechtsfälle zu entscheiden. Es ist aber wohl erlaubt, eine Position zu vertreten. Und eine vernünftige Einschätzung wäre wohl: Ein Lied entwickelt erst dann Plagiatsgeruch, wenn es markante (!) Bausteine eines Vorgängers recycelt (Beispiel: der Radiohead-Hit "Creep", der einen Teil der Akkordfolge von "The Air That I Breath" nutzt und dessen Autoren neues Geld brachte). Richtig stark wird der Kopie-Mief aber erst, wenn auch die Melodie der Vorlage anklingt (wie bei Lana Del Reys "Get Free", das wiederum frappant an "Creep" erinnert und darum von Radiohead geklagt wurde).

Für US-Prozesse scheinen nun aber Lappalien ausreichend. US-Star Katy Perry hat 2019 gegen einen Rapper namens Flame den Kürzeren gezogen. Das Gericht entschied, dass sich ihr "Dark Horse" bei seinem "Joyful Noise" bedient hätte, und sprach ihm 2,8 Millionen Dollar zu. Es nimmt nicht wunder, dass Perry in Berufung ging: Beide Nummern wummern vage dahin. Nur ein kurzes, wiederholtes Ornament scheint sie zu verbinden: eine abfallende Notenfolge, die der Synthesizer düdelt. Haargleich hört sich die Passage im Vergleich aber nicht an.

Dennoch lassen sich so Millionen schaufeln, und das schafft ein Klima der Angst, beschreibt die "New York Times" anhand von Beispielen. So hat Taylor Swift ihr Lied "Look What You Made Me Do" vorausschauend abgesichert, indem sie die Verfasser des mutmaßlichen Lookalikes ("I’m Too Sexy" von Right Said Fred) in die Autorenzeile aufnahm. Und Sam Smith hat eine rasche Einigung mit Tom Petty, dem Urheber von "I Won’t Back Down", erzielt, um einer Inquisition von "Stay With Me" zuvorzukommen. Maßnahmen, die rund um 1980 noch als Paranoia gegolten hätten: Damals rief es noch keine Klagflut hervor, dass die Basslinie von "Another One Bites The Dust" (Queen) vom Discofeger "Good Times" (Chic) beeinflusst war. Es war ja auch noch Common Sense, dass Kunst stets auf Vorbildern aufbaut und Weiterentwicklung nicht unbedingt Diebstahl sein muss.

Der neue US-Trend bedroht dagegen Melodienschmiede und belohnt Bauernschlaue. So hat nun auch Ariana Grande einen Kläger wegen "7 rings" am Hals. Aber nicht so sehr wegen der Musik (die eine Paraphrase des Evergreens "My Favorite Things" ist). Sondern aus Textgründen. Grande singt nämlich die Zeile "I want it, I got it". Und weil ein gewisser Josh Stone den Gangster-Rap "You Need It, I Got It" geschrieben hat, wähnt er sich plagiiert.

Nun ja. Sollte er gewinnen, wäre es kein Wunder, wenn eines Tages auch die Nachfahren von David Bowie vor dem Richter auftauchen - und eine Text-Plagiatsklage wegen dem Bowie-Lied "Don’t Sit Down" anstrengen. In dem Song fallen vor allem die Worte "Yeah, yeah, baby, yeah". Und die sind seither recht oft wiederholt worden.