Er würde gerne erzählen, dass er die Abbey Road Studios besucht hat. Oder wie er Mick Jagger in der Leitung hatte. In "Posthumous Forgiveness", einem der Schlüsselsongs des neuen Tame-Impala-Albums, "The Slow Rush", hält Kevin Parker ein imaginäres Gespräch mit seinem vor einem Jahrzehnt verstorbenen Vater. Es ist ein Ringen um Versöhnung, nicht frei von Ressentiments - so wie es der schwierigen Beziehung der beiden entsprach: Kevin litt massiv unter der Scheidung seiner Eltern, die vollzogen wurde, als er drei Jahre alt war.

In frühen Jahren infizierte ihn sein Vater mit der Begeisterung für Popmusik, riet ihm allerdings ab, es professionell damit zu versuchen. Wie man heute weiß, war der Sohnemann gut beraten, den Rat in den Wind zu schlagen. Nun würde er gerne dem Vater erzählen, was er alles erreicht hat: Dass ihm als Beatles-Fan die Türen der Abbey Road Studios geöffnet wurden. Dass Mick Jagger angerufen hat, um sich von ihm einen Remix seiner Single "Gotta Get A Grip" von 2017 anfertigen zu lassen.

Außer mit Jagger hat der heute 34-jährige, im australischen Perth aufgewachsene Parker schon als Komponist, Produzent und Musiker für Kaliber wie Mark Ronson, Lady Gaga, Kanye West oder Rihanna gearbeitet. Das ist insofern bemerkenswert, als Parkers Weg in die Glamourwelt des Pop über verschlungene Pfade führte: Anders als viele buchstäblich tonangebende Persönlichkeiten des populärmusikalischen Mainstreams, kommt er nicht vom Hip-Hop, R&B oder Soul, sondern von einer stark psychedelischen Spielart des Progressive Rock.

Feierliche Pracht

Sein Projekt Tame Impala, das er im Studio alleine und live mit einigen instrumentalen Erfüllungsgehilfen betreibt, klang zunächst wie eine Kreuzung aus den Beatles der "Revolver"-Ära mit Todd Rundgrens Band Utopia und den Flaming Lips zwischen den Alben "Clouds Taste Metallic" und "The Soft Bulletin". Nachdem er diesen eklektischen Verschnitt mit dem zweiten Tame-Impala-Album, "Lonerism", im Jahr 2012 erfolgreich konzentriert und zugespitzt hatte, vollzog Parker 2015 auf "Currents" einen scheinbar radikalen Bruch und ein offenes Bekenntnis zu kontemporärem Charts-Pop. Die Gitarren wurden reduziert; mit ihnen verschwanden auch die Dissonanzen aus dem Klangbild, das stattdessen nun in melodischem Belcanto und Wolkenschichten von Synthesizern watete.

Der Erfolg der Platte - Platz 1 in den australischen, Platz 3 in den englischen und Platz 4 in den amerikanischen LP-Charts - machte Tame Impala zum Headliner großer Festivals und etablierte den schlurfig wirkenden notorischen Spätaufsteher Parker auch formal in jener Pop-High-Society, deren Protagonisten schon lange seine Gesellschaft und Arbeitskraft gesucht hatten.

"The Slow Rush", wie nun der vierte Streich heißt, schließt im Großen und Ganzen an "Currents" an. Die Gitarren sind noch zurückgenommener und scheinen sich auf wenige Punkte zu konzentrieren ("Tomorrow’s Dust"), während sich Synthies und Keyboards zu bisweilen fast schon feierlicher Pracht auftürmen. Stilistisch steuert Parker behutsam Richtung Dancefloor, Soul und R&B. Bemerkenswert ist dabei eine gewisse, seiner hohen, zum Quengeln neigenden Stimme eigentlich eher zuwiderlaufende Leichtigkeit und Wendigkeit.

Wenn man mit "Leichtigkeit" eine gewisse Scheiß-mich-nix-Attitüde assoziieren mag, dann sind sogar die Inhalte davon infiltriert: Möglich, dass, was ich tue, falsch ist. Möglich, dass unser Leben eine Abfolge des Immergleichen wird. Möglich, dass ich mich kindisch benehme. NA UND? Der Mann dürfte keinem kategorischen Imperativ folgen. Dazu scheint Parker eine intensive Fehde mit der vierten Dimension auszutragen: Allein sechs (von zwölf) Songs weisen einen unmittelbaren Zeitbezug im Titel auf. Mit "One More Year" beginnt, mit "One More Hour" endet die LP. Dazwischen drängt die unmittelbare Gegenwart ("Instant Destiny"), liegt der Staub von morgen in der Luft von heute ("Tomorrow’s Dust"), wird die Vergangenheit zur Ruhe getragen ("Lost In Yesterday"), mahnt die Vergänglichkeit ihren Tribut ein ("It Might Be Time"). Grosso modo aber scheint sich alles auszugehen: "But strictly speaking, I’m still on track / And all of my dreams are still intact."