Ihren Legendenstatus hat sich die Band bereits zu Beginn in den Namen graviert. Es muss sich also um ein Missverständnis handeln, dass die Weltöffentlichkeit trotz bisher vierzig sehr hartnäckig im Geschäft verbrachter Karrierejahre keine Notiz davon genommen hat. Auch (oder gerade?!) eine etwas aus dem Ruder gelaufene Diskografie mit um die vierzig Alben (von Nebenprojekten und den sechzig Solowerken ihres Sängers und Masterminds Edward Ka-Spel einmal ganz abgesehen) hat an diesem Umstand nichts geändert.

Man sollte vielleicht noch erwähnen, dass die 1980 in London gegründeten und seit 1984 von Amsterdam aus betriebenen Legendary Pink Dots anlässlich ihres sensationellen Jubiläums auch im Jahr 2020 noch durch Klein- und Kleinstclubs touren, in die man sich mitunter für Studentenpartys einmieten kann. Sie nehmen ihr Wirken also sehr ernst und dürfen auf eine Extraportion Sturheit verweisen. Immerhin wird hier aus einem künstlerischen Paralleluniversum heraus mit großem Mut hinsichtlich der Altersvorsorge erheblich, wie man heute so blöd sagt, "am Markt vorbeiproduziert".

Das künstlerische Paralleluniversum inkludiert übrigens psychotrope Forschungsreisen mit drittem Auge und sechstem Sinn - sowie Shiva als Zeremonienmeister, der mit einem Räucherstäbchen in der Hand barfuß über Batiktücher tänzelt. Die Batiktücher wurden bei einer blöden, die Neurotransmitter betreffenden Sache mit der Lucy und ihren Diamanten im Himmel aber in ein schwarzes Loch im Universum geschossen. Das schwarze Loch ist neuesten Erkenntnissen zufolge übrigens die Black Lodge von David Lynch, in der Free-Jazz-Tröten mit rückwärts sprechenden Extraterrestriern namens Menschen in fremden Zungen kommunizieren. Wurde bereits erwähnt, dass das Webdesign der Bandhomepage aussieht, als wäre es auf einem LSD-Trip in der fernen Vergangenheit hängengeblieben?

Schlangenbeschwörerstimme

Albumcover "Angel In The Detail".
Albumcover "Angel In The Detail".

Völlig losgelöst von der Erde sowie von schnöden irdischen Gesetzmäßigkeiten wie Raum und Zeit flottieren die Legendary Pink Dots ausgehend von frühen Kassettenveröffentlichungen wie "Only Dreaming" ("Phallus Dei!") und über von einer kleinen, aber buchstäblich verschworenen Fangemeinde gefeierte Meisterwerke wie "Crushed Velvet Apocalypse" von 1990 auch ästhetisch zwischen den Stühlen. Zwischen Avantgarde mit Mischmaschine, Prog-Rock am Zweifingerkeyboard und esoterisch grundiertem Moor-, Moos- und Bachblütenfolk kommt es dabei zu Sternstunden der Eigentümlichkeit, deren kleinster gemeinsamer Nenner in der mystisch beladenen Schlangenbeschwörerstimme von Edward Ka-Spel besteht, die nun auch die 70 Spielminuten des aktuellen Albums "Angel In The Detail" (Metropolis Records) verbindet.

Darauf präsentiert sich die Band hörbar in sehr guter Form. Und sie lockt diesmal nicht zuletzt mit zart pluckernden Synthesizer-Arpeggios in einen Sog, der mit zunehmender Dauer in ätherische Nebel abdampft - Giorgio Moroder auf bewusstseinserweiternden Substanzen ("Neon Calculators") und John Carpenter auf der Zombie-Schlachtbank ("Parallels") inklusive.

Wie man am kommenden Sonntag (16.2.) im Wiener Replugged  überprüfen kann, gilt eine dabei gehörte Textzeile für die Legendary Pink Dots selbst übrigens nicht: "Kingdoms come and empires fall". Ihrem rätselhaften Reich sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Beginn: 20 Uhr. Support: Hiroshimabend.