Das Gerücht, dass es sich beim Wiener Würstelstand um ein gastronomisches Angebot handelt, bei dem es noch dazu um die Wurst gehen soll, muss Ortsunkundigen gegenüber immer wieder mit Nachdruck entkräftet werden. Am besten nimmt man Besuch in Form von Hans-Dieter aus Neustadt am Rübenberge oder Dörte aus Duisburg gleich einmal auf eine Eitrige mit, um zu erklären, dass das dazu hineingestellte Glasweckerl (nieder mit dem Sechzehnerblech!) noch viel wichtiger ist - es im Wesentlichen aber um eine Art Erlebniskultur geht, die sich vor allem aus dem Austausch ergibt.

Austausch bedeutet neben zeitweiligem Schmähführen mit der Gerti von hinter der Budl aber auch motschkern. Zu motschkern gibt es bekanntlich vor allem in Wien immer etwas. Gemeinsam sich in einer Art Operninszenierung mit Spaghetti dem Dolce far niente hinzugeben und dabei Arien vom süßen Leben zu schmettern, mag ja vielleicht in Italien ein beliebter Zeitvertreib sein. Aber! Nicht! Bei! Uns! Hier regieren negative Gefühle, die es bitteschön auch zum Ausdruck zu bringen gilt.

Die lautlose Implosion einer Einzelperson ist ungefähr das Sinnloseste auf der Welt, wenn gerade das Wienerische so viele Möglichkeiten bereitstellt, sprachlich virtuos und wirklich sehr negativ, also auf eine Art vor sich hin zu explodieren, dass es noch auf der Straßenseite gegenüber der Kundschaft von "Asia Nudel Kebab Pizza" die Haare aufstellt. Nicht zuletzt das neue, dem Austropop im weitesten Sinne zugerechnete Wienerlied um Hits wie "Von gschissn auf oasch" des musizierenden Vater-Sohn-Duos Worried Man & Worried Boy legt davon beredt Zeugnis ab.

Wiener Bestandsaufnahme

Aktuell wiederum liefern Kreiml & Samurai Nachschub zum Thema und rappen in einer gleichnamigen Single über das Soziotop und den Mikrokosmos "Würstlstand" - sowie dann doch auch ein wenig über das dort dargereichte kulinarische Rahmenprogramm: "A Eitrige mit an Bugl is ma wirklich liaba ois a Reis oda a Nudl." Was gut zu der Tatsache passt, dass dem Hip-Hop-Duo aus Wien der Durchbruch vor zwei Jahren mit einer Bestandsaufnahme namens "Wiener" gelang, die diverse, selbstverständlich zutreffende Stereotype in die Auslage stellte: "Unsere positivste Seite ist die Negativität / Drum is eh ollas fürn Oasch, trotz bester Lebensqualität." Oder politischer betrachtet: "Wien! Du bist a Stadt, die gern die Pappn hoit / Weil oft wenn die Fassade foit, siacht ma nu des Hakenkreuz." Glücklicherweise sind zeitgeschichtliche Sachverhalte und innenpolitische Problemstellungen über so einer Käsekrainer im Regelfall aber eh schnell geklärt.

Sozialrealismus

Nach den drei Damen vom Grill von seinerzeit in Berlin geben Kreiml & Samurai derzeit allerdings nicht nur die zwei Biaschtler vom Wiaschtler. Wie ab kommendem Freitag auf dem neuen Album "Auf olle 4re" nachgehört werden kann, wird hier vor allem auch ein klares Ja zum Nein gegeben. Nein natürlich im Sinne von nix hackeln und dabei auch noch tachinieren. Immerhin steht das Duo beim Label Honigdachs unter Vertrag, das als musikalische Brutstätte der gehobenen Leistungsverweigerung gilt. Acts wie die auch schon als musikalische Partner von Kreiml & Samurai in Erscheinung getretenen, politisch bereits sehr unkorrekt benannten Franz Fuexe sind von hier aus aufgebrochen, Probleme mit der Exekutive wie im Grunde eh allen Autoritätspersonen zu adressieren - und etwaigen zweimal im Jahr für einen Kurzbesuch in ihr altes Heimatdorf einfallenden Stadtbobos eine aufzulegen.

"3 Nagetiere", eine zuletzt veröffentlichte Kollaboration mit einem anderen Haberer, dem der Halbwelt um den Wiener Gürtel zugerechneten Voodoo Jürgens, hat es übrigens leider nicht auf das Album geschafft. Sie wäre mit der auf synthetischen Gummibässen mit Westcoast-Hintergrund basierenden Albumproduktion von Brenk Sinatra wahrscheinlich auch nicht kompatibel gewesen. Von der Problemstellung, dass Voodoo Jürgens gerne in Bauchstichhütten herumbrandinesert, Kreiml & Samurai dort aber nur hingehen, wenn daheim der Spritzwein aus ist und es auch beim Würstelstand nichts mehr zu holen gibt, einmal ganz abgesehen.

Dieser Themenstrang ist es dann auch, der allen leiwanden Momenten der Ausschweifung zum Trotz mit dunkel gefärbten Tracks zwischen "Kein Applaus" und "4re in da Friah" recht sozialrealistisch an das Schädlweh im Anschluss erinnert. Im diesbezüglich besonders plastischen "Speibn" wird nicht von ungefähr auch "Wem heut net schlecht is" von Wolfgang Ambros zitiert.