Als jüngstes Mitglied des legendären "Buena Vista Social Club" betritt der kubanische Pianist Roberto Fonseca Anfang des Millenniums die internationale Bühne. Gerade mal Mitte zwanzig, brilliert das berückende Tastengenie aus Havanna. Er untermalt seine Musik mit vollem Körpereinsatz. Manchmal scheint Keith Jarrett neben dem Komponisten zu sitzen, wenn der inzwischen 44-Jährige während des Spiels fast in das Klavier kriecht und jeden Klang begeistert mit summt. Selbst das einfachste Riff heizt er mit machtvollem, afrokubanischem Groove an. Auf seinem aktuellen Album "Yesun" sprüht der Leiter des kubanischen Jazzfestivals vor stilübergreifender Spielfreude und dem Mut zum Wagnis zwischen Afro-Cuba- und Jazz-Rhythmen. Nicht umsonst ehrte ihn der französische Kulturminister vor wenigen Monaten mit der Verleihung des Ordens "Officier des Arts et des Lettres". Die "Wiener Zeitung" traf den sympathischen Kubaner in München.

"Wiener Zeitung": Wie entstand die Idee zu Ihrem neuen Album, das Ihnen so extrem wichtig ist?

Roberto Fonseca: Ich habe eigentlich nie versucht, eine soziale Botschaft mit meiner Musik zu transportieren. Doch diesmal wollte ich mich, ähnlich wie früher Miles Davis oder John Coltrane, in die gesellschaftliche Debatte einmischen. Ich will auf den kritischen Zustand unserer Meere, unseres lebensnotwendigen Wassers aufmerksam machen. Deshalb der Titel "Yesun". Es ist ein Wortspiel von mir. Ich habe darin aus meiner afro-kubanischen Religion Santería, die Anfangsbuchstaben der Namen der Meeresgöttin Yemaya und Oshun, dem Gott der Flüsse, vermischt. Und auch der Song "Aggua", Wasser, in dem ich Mambo, Rumba, Latin-Jazz, Reggaeton und Hip Hop verbinde, weist in diese Richtung. Gleichzeitig möchte ich, dass meine Musik wie Wasser ist, das ständig fließt, überall hinströmt, sich ergießt, nie stillsteht. Es geht mir dabei nicht allein um den kommerziellen Erfolg. Ich möchte einfach zeigen, wer ich bin, was mich musikalisch ausmacht. Das Album mit seinen verschiedenen Genres ist für mich wie ein Reisepass mit seinen vielen Stempeln.

Ihr schwebender, fast geflüsterter, sanft gehauchter poetischer Gesang in dem Stück "Stone of Hope" erinnert an melancholisch brasilianischen Bossa Nova Stil.

Das freut mich. Ich liebe vor allem Milton Nascimento, der die brasilianische Musik um psychedelische Klänge und jazzige Rhythmen erweiterte. Aber auch Joao Gilberto, der unter anderem "Desafinado" sang, das in der Version von Charlie Byrd und Stan Getz die erfolgreiche Ankunft der Bossa Nova im Big Apple vorbereitete.

Sie traten bereits als 15-Jähriger beim Jazzfestival "Jazz Plaza" in Havanna auf und spielten in Jazzclubs. Woher stammt Ihre Begeisterung für Jazz?

Die verdanke ich ursprünglich meinem älterem Halbbruder Emilio. Er brachte damals eine Kassette nach Hause, auf der Keith Jarrett auf der einen Seite und Bill Evans auf der anderen Seite zu hören war. Ab dem Zeitpunkt war ich fast süchtig nach Jazz. Die alte Kassette gibt es immer noch. Sie hat bei mir zuhause einen Ehrenplatz. Einer meiner großen Vorbilder ist auch der blinde Tres-Spieler Arsenio Rodriguez, der Erneuerer des Son zum Son Montuno. Der Son ist in der afrokubanischen Musik von ähnlicher Bedeutung wie der Blues im Jazz. Arsenio ist, nicht zu Unrecht, als der Duke Ellington des Son bezeichnet worden. Am meisten bedauere ich freilich, dass ich nicht mehr mit Miles Davis, der in meinen Augen den Jazz revolutioniert hat, spielen kann.

Bevor Sie Klavier spielten, übten Sie Schlagzeug. Wieso haben Sie gewechselt?

Ich mochte das Schlagzeug. Mein Halbbruder Emilio Valdés, der Schlagzeuger ist, hat mich beeinflusst. Ich hatte das Gefühl, wenn Leute einen Schlagzeuger sehen, finden sie das einfach total interessant. Er bekommt große Aufmerksamkeit und das mochte ich. Ich glaube, es waren dann zwei Gründe, warum sich das änderte. Zum einen ist Klavier ein wunderbar komplexes Instrument und zudem wollten meine Eltern nicht zwei Schlagzeuger in der Familie. Außerdem lebten wir in einer kleinen Wohnung. Ich glaube, das war einfach zu viel Lärm. Mein Vater Roberto fand es besser, dass ich Klavier lerne. Mit acht Jahren habe ich damit angefangen. Und ich muss sagen, im Nachhinein bin ich ihm dankbar dafür. Meinen ersten Auftritt hatte ich dann aber noch als Drummer mit einer Band, die Beatles Songs interpretierte.

Mittlerweile gehören kubanische Musiker nicht selten zu den weltweit führenden Jazzmusikern. Wie erklären Sie sich das?

Vor der Revolution waren populäre Musiker weitgehend Autodidakten. Ab den frühen 1960er Jahren waren die meisten Mitglieder populärer Bands Absolventen von Musikschulen, für die virtuose Darbietungen fast selbstverständlich sind. Und vor allem gehört eine klassische Ausbildung dazu. Auch ich habe eine. Das heißt, ich beherrsche mein Instrument bis ins Letzte. Das Stück "Por ti" auf dem neuen Album ist meine Referenz an die Klassik.

Glauben Sie, dass Ihnen Ihre klassische Ausbildung hilft?

Definitiv, das ist die Basis von allem. Klassische Musik ist das Wichtigste und Wunderbarste, das man als Musiker hat. Man lernt die verschiedenen Musikstile. Danach kann man Jazz und Hip-Hop entdecken. Wer die Barockmusik kennt, Bach, den größten Komponisten der Musikgeschichte, die Musik der Romantik, Chopin studiert, aber auch Sergej Rachmaninow, einen der letzten Romantiker der klassischen Musik, hat eine Grundlage, die perfekt ist, um Stile zu kombinieren. Mehr als die Hälfte meines Sounds ist beeinflusst von Mozart, Chopin, Beethoven, Rachmaninow, Skrjabin, Grieg, Bartók.

Voriges Jahr feierte Ihr erstes Orchesterprojekt Premiere im Wiener Musikverein. Was war das für ein Gefühl?

Ich war total überwältigt. Vor allem, als ich las, wer in dem prunkvollen Saal bereits vor mir gespielt hat: Arthur Rubinstein, ein Titan, der weltbeste Chopin-Interpret. Ich konnte es kaum fassen in einer Reihe mit ihm zu stehen. Nur bei Jazzkonzerten werden Solos beklatscht. Ich habe nie erlebt, dass Leute in der Mitte des Songs applaudieren, das passiert bei klassischen Konzerten nie, und da passierte es und die Leute tanzten im Goldenen Saal, ich musste zwei Zugaben machen. Ich liebe Orchesterprojekte. Das nächste steht in Köln an.