In den 90er Jahren sorgte nicht nur der Durchbruch der Techno-Bewegung für ein Wiedererstarken der in die Jahre gekommenen Tante Pop als Massenphänomen und somit ein vorletztes Mal für ein Gefühl derselben von gleichermaßen gesellschaftlicher und kultureller Relevanz. Auch der schlecht gelaunte Grunge aus Seattle, der Siegeszug des (US-)Hip-Hop, die Zerspragelung der elektronischen Musik in zahlreiche Subgenres, neue eklektische Stilrichtungen (Stichwort Trip-Hop) und eine - noch - gut im Saft stehende wie auch immer geartete Sache namens Alternative Rock sind diesbezüglich zu nennen.

Natürlich kamen auch Boygroups auf - und es gab Eurodance, vertreten durch Haddaway ("What Is Love") oder das "Barbie Girl" von Aqua. Musik wurde mobil nicht mehr auf dem Walk-, sondern auf dem Discman gehört. Und was um alles in der Welt ein Smartphone (??) sein sollte, wusste damals noch niemand.

Die liebe Familie

Nicht zuletzt eines aber ist von den 90er Jahren als heute bereits mit reichlich Staub überzogenes Relikt, das man jetzt bit- und byteförmig streamen kann, übrig geblieben: Es wurden damals noch Lieder geschrieben, die wir tatsächlich alle mitsingen konnten. Vor allem auch die Britpop-Bewegung mit der auf dem geistigen Eigentum der Oberbeatles John Lennon und Paul McCartney aufbauenden Band Oasis hat in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet. Diese beruhte zwar in erster Linie auf den von Noel Gallagher geschriebenen Songs. Nicht unwesentlich war aber auch der von einer Kanonenkugel aus Drogen und Alkohol befeuerte Außenauftritt seines mit ihm bestens verfeindeten Bruders Liam. Der verkörperte den Rock ’n’ Roll noch einmal so richtig schön politisch inkorrekt als schlägerndes Großmaul, dem man besser nicht blöd kommen sollte.

Nach dem Band-Aus im Jahr 2009 aus bekannten und im konkreten Fall auch wirklich naheliegenden Gründen (die liebe Familie) und den anschließenden Nachfolge- und Soloprojekten konnte man zu Beginn des Konzerts von Liam Gallagher am Dienstagabend im vor allem aus nostalgischen Gründen restlos ausverkauften Wiener Gasometer zunächst also über eines nachdenken: Was wird passieren, nun da ein Becher mit Flüssignahrung den Sänger bereits beim Betreten der Bühne getroffen hatte?

Würde diese Geste die alte Prügeldiva in Liam Gallagher zu einer Konzertabsage veranlassen oder zumindest zu einer Art Schauboxen führen, bei dem der Rockrüpel seinen "Fan" wegen des kapitalen Sakrilegs der Bierverschwendung so richtig schön beim Krawattl packt? Tatsächlich folgte eine aus Gründen des harten Akzents mit Manchester-Hintergrund und der fragwürdigen Raumakustik nicht gänzlich verstandene Ansprache, die jedenfalls Wörter wie "fuck" und "fucker", aber glücklicherweise auch "Rock and Roll" inkludierte. Es konnte also eh weiter-, sprich mit einer sechsköpfigen Band und drei in Folge unterbeschäftigten Backgroundsängerinnen überhaupt erst einmal losgehen.

Best-of ohne "Wonderwall"

Die Neuigkeiten zuerst: Liam Gallagher trägt jetzt eine sonst eher aus dem Bergsteigermilieu bekannte Art Bart, wie sie sich auch unter alten Seebären nach Wochen fernab von Frau, Kind und anderen Landratten einstellt, und singt das Mikrofon nicht mehr durchgehend bei gleichzeitig hinter dem Rücken verschränkten Armen von unten an, weil das so schön präpotent aussieht. Und er steht zwar im heute weißen Leistungsverweigerungs-Hoodie nach wie vor weitgehend regungslos auf der Bühne herum, tut das aber nicht mehr ausschließlich deshalb, weil es cool wirkt, sondern weil er ja auch nicht jünger wird. Psst, aber: Liam Gallagher hat es derzeit mit der Hüfte.

Die Hauptfrage, die sich nach knapp eineinhalb Konzertstunden stellt, zumal in Wien, der Geburtsstadt der Psychoanalyse, ist aber die, warum der Mann mit gerade einmal sieben Songs live nur einen Einblick in sein Soloschaffen gibt, um dieses neben einem ausgerechnet von seinem Bruder geschriebenen Oasis-Best-of zwangsläufig abstinken zu lassen.

Nach einer bei angeschlagener Stimme im Zeichen der Rockroutine stehenden und mit zunehmender Dauer heruntergenudelten sowie exklusiv für das Wiener Publikum um "Wonderwall" gekürzten Leistungsschau aus alten Hymnen ("Stand By Me", "Roll With It", "Supersonic" . . .) wollte sich der Erkenntnisgewinn nicht so recht einstellen. Vielleicht liegt die Antwort aber auch bei Sigmund Freud selbst. Der hat es einmal so formuliert: "Der Neid stört oft den Genuß der Parke und Landsitze."