An sich bezeichnet "Myopia", aus dem Altgriechischen abgeleitet und "Myopie" auf Deutsch, Kurzsichtigkeit. Als Titel von Agnes Obels vierter LP ist der Terminus aber vielmehr mit dem sprichwörtlichen "Tunnelblick" assoziiert: die Konzentration auf bestimmte Aspekte unter mehr oder weniger vollständiger Ausblendung der Umwelt.

Das sei, räumt Obel ein, zu einem gewissen Grad für kreative Prozesse notwendig. Und nicht anders verläuft bei ihr selbst die Genese ihrer Platten: "Ich bilde eine Blase um mich, in der sich alles um den Song und die Welt, die er repräsentiert, dreht. Nicht nur mental, sondern auch praktisch, mit dem Raum, dem Equipment, den Instrumenten, den Texten und so weiter. In vielerlei Hinsicht ist Myopie meine wichtigste Technik beim Schreiben und Produzieren von Musik. Ich brauche das, um arbeiten zu können", lässt die Sängerin, Songschreiberin und Pianistin im Waschzettel ihres neuen Labels Deutsche Grammophon verlauten.

Vokale Manipulationen

"Can’t Be," ein Song von "Myopia", wirft freilich die Frage auf, wie sehr eine solche Verengung im Dienste schöpferischer Prozesse der eigenen Wahrnehmung und im weiteren Sinne der Lebenstüchtigkeit zuträglich ist. Sie ist zumindest ein Erfolgsgarant, so viel lässt sich sagen: Immerhin hat es Agnes Caroline Thaarup Obel, vor 39 Jahren im Kopenhager Vorort Gentofte geboren und seit 2006 in Berlin wohnhaft, bei Spotify auf 1,6 Millionen Hörer monatlich, bei Apple Music auf 4,46 Millionen Streams, auf 30 Millionen Videoklicks bei YouTube und 1,7 Millionen verkaufte physische Tonträger gebracht. Zugleich begeistern ihre impressionistischen, mehr kammer- denn popmusikalisch angelegten Stücke und Suiten, die sich bildlich mit den Mysterien und Bedrohungen auseinandersetzen, denen das Ich dieser Tage ausgesetzt ist, auch die Kritiker.

Diese Musik kann und darf immer "gleich" klingen und doch mit jeder Platte ein anderes Stimmungsbild malen. Bei "Myopia" geschieht das durch ziemlich exzessives Pitching, also das Hinauf- oder Hinunterfahren der Tönhöhen von Instrumental- und Gesangsspuren. Dieser Technik hat sich Obel seit jeher bedient, um die verschiedenen Tonhöhen ihres teilweise recht ausgefallenen Ins-trumentariums anzugleichen.

Auf "Myopia" wird der Pitch-Shifter aber vor allem an Obels Stimme angewandt, die so manchmal wie ein Instrument klingt, dann wieder wie die eines Mannes oder einer anderen Person, die mit der Protagonistin in Dialog zu treten scheint. Diese vokalen Manipulationen erschweren freilich rein klanglich das Verständnis der Texte beträchtlich: Nur wenig Worte und Sätze kommen, wie die Killer-Zeile "I’m just another fool for the earth to swallow", unverfälscht beim Hörer an - ohne das grafisch edel gestaltete Booklet wäre man ziemlich aufgeschmissen.

Aufgeweckte Meditation

Auf Obels bisher letzter LP, "Citizen of Glass", waren ein Cembalo und ein Trautonium, eine Art Vorläufer des Synthesizers, bekannt durch die Filmmusik in Hitchcocks "Die Vögel", zum Einsatz gekommen. Auf "Myopia" macht sich Obel eine Celesta, ein glockenspielartiges Tasteninstrument, und ein über einen mechanischen Zusatz mit besonderen Klangmöglichkeiten ausgestattetes Klavier, dienstbar. Neben den Stimmen sind alle Tasteninstrumente und alle Arten der Rhythmuserzeugung Sache der Chefin; Violine und Cello obliegen handverlesenen Hilfskräften.

Gleich der Auftakt der LP offenbart, mit leichter Tendenz zu Schwulst, welche Gefahren der ätherischen Schönheit dieser Musik auflauern: An dem schwebenden Klangkörper arbeitet nämlich, sobald innere Spannung und Bombast aus der Balance geraten, ein latenter Drift Richtung New-Age-Kitsch à la Enya. In "Broken Sleep" aber, einer aufgeweckten Meditation über Schlaflosigkeit mit perlendem Piano und atmosphärischer Stimmenvielfalt, zeigt sich nachdrücklich die Expressivität dieses Formats.

Ein weiteres Großkaliber, "Island Of Doom", schreibt eine Geschichte fort, die schon "Citizen Of Glass" erzählt hat: Wie wir mit Verlust - etwa dem Tod eines nahestehenden Menschen - umgehen. Dazwischen liegen drei Instrumentals - nicht als Füllseln, sondern als emotionale Austarierer.