Und wieder ein Selbstfindungstrip in Sachen Liebe. Wenn man sich jedoch seiner Liebe versichern will, gerät man schnell ins Stammeln und die Zunge tanzt Purzelbäume. Jemanden, der indessen als brillanter Redner hervorsticht, seine Hörer mitreißen und überzeugen kann, wird eine "Silberzunge" attestiert.

Die US-Musikerin Mackenzie Scott alias Torres versucht auf ihrem neuen Album, begehrende Liebestrunkenheit mit eloquent-verführerischer Liebesrhetorik zu vereinen: Doch es wird vor der sirenenhaften Verführung auf "Silver Tongue" bereits im titelgebenden Stück gewarnt: "My teacher warned me / Watch what you sing / Whoever’s listening will believe."

Torres jagt auf dem Album der Person ihrer Träume nach, die sie zum Liederschreiben inspiriert ("Good Scare"). Oder es wird die Liebe schlechthin gefeiert, als die Geliebte endlich bei ihr einzieht ("Gracious Day"). Doch die Liebe erlebt Rückschläge: In "Two Of Everything" scheint sie sich ihre Geliebte teilen zu müssen: "To the one sharing my lover’s bed / Do you hold her when she sleeps? / Do she also call you baby? / You should know she calls me baby." Wo es Mackenzie Scott auch um Aufrichtigkeit geht, ist dies vielleicht schon ein Zuviel an Information?

Für ihr viertes Album wechselte Torres von 4AD zu Merge Records, und sie erledigte - nachdem sie ihre letzten beiden Alben noch von Rob Ellis (PJ Harvey) hatte produzieren lassen - den Job gleich selbst. Musikalisch hat sie sich von der charmanten Rohheit und den dunklen Labyrinthen der ersten beiden Alben entfernt, wenn nicht sogar verabschiedet. Bereits beim bisher letzten Album, "Three Futures" (2017), hatte sich eine Hinwendung zu poppigeren, weniger in-trovertierten Songs angekündigt. Dies ist bedauerlich, liegt Scotts Stärke doch gerade im Austarieren zerbrechlicher Momente, die gleichzeitig nach Expressivität schreien. Von dieser Intensität ist auf ihrem neuen Album kaum bis nichts zu finden.

Freilich lassen sich einige ansprechende Singer-Songwriter-Melodien aufspüren, denen sich ohne große Schwere folgen lässt - nicht mehr, aber auch nicht weniger.