Der Albumtitel ist gut. Immerhin verweist "Miss Anthropocene" nicht nur auf die weiblich geprägte Seite der Grundidee, ein Konzeptalbum über das Umweltthema Numero uno, dargestellt durch eine "anthropomorphe Göttin des Klimawandels", vorzulegen. Er erlaubt sich dabei auch einen gar nicht so schlechten Wortwitz, um das misanthrope Gesicht, sprich die hässliche Fratze jenes Zeitalters aufzuzeigen, in dem der Mensch zum wesentlichsten Einfluss-, sprich Störfaktor für den Heimatplaneten, also die alte Mutter Erde wurde.

Außerdem war ein Album zum Themenkomplex sowieso überfällig. Junge Leute gehen heute zwar wieder an Freitagen für die Zukunft auf die Straße - oder sie üben ihren Protest via Twitter aus. Musikalisch braucht es aber schon den Death-Metal-Remix einer Greta-Thunberg-Rede, um das Sujet popkulturell hörbar zu machen. Vielleicht ist auch einfach die Angst zu groß, in die Folklorefalle zu tappen und rezeptionsseitig unfreiwillig in die Riege von Hippiesitzkreisen mit Friedenspfeife gestellt zu werden. Nicht! Mit! Uns! Dass Chris Martin und seine Band Coldplay aus CO2-Gründen nicht mehr auf Tournee gehen wollen, ist aus gleich mehreren Gründen ja äußerst löblich. Der große, uns alle bewegende Protestsong zum Thema ökologischer Raubbau wurde in diesen Tagen aber noch nicht geschrieben.

Im Falle der 31-jährigen kanadischen Musikerin Claire Elise Boucher alias Grimes und ihres nun also vorliegenden neuen Albums "Miss Anthropocene" (4AD) wiederum droht das Klimawandelthema aktuell aber bereits aus profanen Gründen schon wieder in den Hintergrund zu treten. Immerhin ist in Hipsterhausen eine gewisse Aufregung um ihre Person zu verzeichnen, seit die Beziehung der zumindest bisher hippen Musikerin mit dem nicht zuletzt für seine wirren Aussagen bekannten Tech-Milliardär Elon Musk bekannt wurde. Dessen angedachte Marsreisen für Superreiche mit anschließendem Kolonialisierungsplan für eine Zeit nach der Zombieapokalypse (oder so) dürften übrigens auch nicht ganz nachhaltig sein. Und seine nun endgültig auch beim Thema Transhumanismus gelandete Partnerin wiederum irritierte dazu passend zuletzt etwa mit der Einschätzung, dass menschliche Kunstproduktion bald ohnehin durch Algorithmen ersetzt werden würde - und dies eine sehr gute Sache sei.

Zumindest in ihrem Fall möchte man derzeit daran glauben. Immerhin beeindruckt bereits das aus der rund sechsminütigen Wiederholung einer nicht einmal halb garen esoterischen Grundidee bestehende "So Heavy I Fell Trough The Earth" zum Auftakt in seiner allumfassenden Banalität. Der Klimawandel? Er zieht sich.

Überhöhter Marktwert

"Miss Anthropocene"-Albumcover.
"Miss Anthropocene"-Albumcover.

Nach selbstverwalteten Anfängen als verstrahlte Heliumstimme des hauntologischen "Witch House"-Genres zwischen Kunststudenten-Erratik, 80er-Jahre-Wave-Gothic-Pop und den Nachwehen einer MTV-Sozialisierung mit Britney Spears zeichnet sich diese Kunst auf dem fünften Album nun nicht mehr durch ein postmodernes Ineinandergreifen der Einflüsse aus. Stattdessen wird so ideenbefreit wie richtungslos bei drastisch überhöhtem Marktwert vorgetäuscht, dass jederzeit alles geht - obwohl nichts mehr geht. Wenigstens dem mit seiner sinistren Produktion um eine Extraportion Basswumme und dem aufgeriebenen Mandarin-Sprechgesang der taiwanesischen Gastrapperin Aristophanes in astreines Donaufestival-Kerngebiet vordringenden "Darkseid" gelingt als rare Ausnahme auf "Miss Anthropocene" das Kunststück, noch einmal aufregend zu klingen.

Bei dem der US-Opioidkrise geschuldeten "Delete Forever" sorgt eine akustisch geschrubbte Oasis-Gedenk-Gitarre für Angst und Schrecken. Den melancholischen Elektropoptanz der Single "Violence" hat man in dieser Form nun auch schon sehr oft gehört. Und wäre die simple Melodie von "You’ll Miss Me When I’m Not Around" nicht sowieso ein Allgemeinplatz, Grimes hätte womöglich eine Plagiatsklage von Charli XCX ("Break The Rules") am Hals. Der reichlich aufgesetzt in ein subtropisches Soundsetting geschobene Drum-’n’-Bass-Beat von "4 ÆM" ist dann auch schon egal. Der Song wird die Kassa über eine Lizensierung als Videospielsoundtrack auch ohne künstlerischen Mehrwert schon demnächst zum Klingeln bringen.

Leider bleibt bei allfälligen Rückgriffen auf Schurken und Bösewichte aus einschlägigen Comics zudem auch konzeptseitig bald kaum mehr über als der eine oder andere Stehsatz: "This is the sound of the end of the world." Das könnte stimmen - allerdings anders, als es gemeint war. Der Klimawandel ist jetzt auch zu einer künstlerischen Zumutung geworden.