"Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister": So heißt es in Richard Wagners Oper "Die Meistersinger von Nürnberg", so steht es auf der Fassade des Wiener Konzerthauses. Um das Credo von Wynton Marsalis auf den Punkt zu bringen, muss man nur ein Wort tauschen: Der Jazztrompeter findet sein Heil darin, amerikanische Meister zu ehren. 1961 im legendären New Orleans geboren, darf er als Gralshüter des traditionellen Jazz gelten - und er genießt dieses Prestige gewissermaßen auch von Amts wegen: Der Mann mit der Abneigung gegen Avantgardisten und Jazzrocker hat seit 1991 die Leitung der prestigeträchtigen Jazz-Abteilung des Lincoln Center for Performing Art in New York inne. Die Kultiviertheit des 58-Jährigen teilt sich auch modisch mit: Seine Musiker sind stets mit Anzug und Krawatte angetan - mögen sie damit auch die Ausnahme im Saal bleiben, wie derzeit bei einem dreitägigen Gastspiel im Konzerthaus.

Makelloser Tribut an die Jazz-Historie: Marsalis. - © Martinez
Makelloser Tribut an die Jazz-Historie: Marsalis. - © Martinez

Marsalis’ elitärer Anspruch teilt sich aber auch akustisch mit - und das überzeugend. Die 15 Mitglieder des Jazz at Lincoln Center Orchestra zählen zu den Besten der Besten ihrer Zunft. Das verdeutlicht sich zwar noch nicht ganz, wenn die Band am Montag mit verschlapftem Swing beginnt und hier und da Solos von musealer Erwartbarkeit liefert. Spätestens beim Bebop-Reißer "Jump Did Le Ba" schlägt die geballte Virtuosität aber Funken: Marsalis’ Team brilliert mit der Intonation eines Meistergeigers und dem Timing einer Atomuhr - auch auf Höllentempo. Am stärksten wohl in der Gillespie-Nummer "Things to Come", bei der sich Saxofonistin Camille Thurmann und Trompeter Thomas Gansch Sololinien entstoßen, die in ihrer Kraft und Gezacktheit an Blitze erinnern. "Danke, Tho-mas", sagt Marsalis dann mehrfach zum rotweißroten Gast auf der Bühne, betont dabei immer die zweite Silbe des Namens. Nun ja. Gibt Schlimmeres, als vom US-Meister falsch ausgesprochen zu werden.