Junge Männer, die an der Welt (ver-)zweifeln, können bekanntlich nicht nur für sich selbst zur Plage werden. Neben Mama, Papa oder den Geschwistern in einer diesbezüglich gewinnbringenden Wechselbeziehung der angespannten Stimmung sind davon mitunter auch Dritte betroffen. Andere Jugendliche, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befinden und einem dort auch noch blöd mit komischen Blicken kommen, sollten beispielsweise ganz schnell in Deckung gehen. Von sämtlichen synonym für das System stehenden Autoritäten sowieso ganz zu schweigen.

Negative Gefühle könnten sich beispielsweise bei einer Begegnung mit dem Gottseibeiuns in Form des Mathematik-Lehrkörpers einstellen. Und auch der liebe Herr Bürgermeister und seine der Dorfjugend und ihren Lederjacken geltende Augenpartie, die einen "Meinungsaustausch", Krieg oder die spätere Verweigerung einer Baugenehmigung vorwegnimmt, sind in diesem Zusammenhang ein Problem.

Wohin mit dem Hass? So sich der nicht im Regelfall nach der Pubertät und den zehn ersten Strafmandaten von selbst erledigt, ist die Anbahnung eines Hobbys nicht verkehrt. Dem im Jahr 1994 in London geborenen und bald von Psychologen umworbenen Schulverweigerer Archy Marshall hat vermutlich auch jemand aus der Familie seine erste Gitarre ins Kinderzimmer gestellt. Die erfüllte ihre Kernaufgabe, als Ventil zu funktionieren - und sorgte dafür, dass sich ein weiterer junger Mann nun lieber den Schmerz von der Seele schrieb, als draußen auf der Straße für Ärger zu sorgen.

Brückenschläge

Dass die Selbstermächtigung als majestätischer Heimproduzent mit dem Adelstitel King Krule hier besonders erfolgreich verlief, war bereits mit einer Nominierung für den "BBC Sound Of ..."-Poll 2013 und auf dem im selben Jahr veröffentlichten, künstlerisch erstaunlich eigenständigen Debütalbum "6 Feet Beneath The Moon" zu überprüfen, mit dem Marshall seinen Arbeitgeber im verdienten britischen Label XL Recordings fand.

2015 demonstrierte der gemeinsam mit seinem älteren Bruder Jack als multimediales Projekt gereichte Nachfolger "A New Place 2 Drown" mit Stolperbeats aus dem Laptop und schlafloser Nachtschattenelektronik unter bürgerlichem Namen Wandlungsfähigkeit, ehe sich King Krule zwei weitere Jahre später nicht dafür schämen musste, den renommierten Mercury Prize für sein 66-minütiges Meisterwerk "The Ooz" nach einer Nominierung doch nicht gewonnen zu haben.

Wie der Mann nun auch auf den vierzehn Stücken seines mit Ausrufezeichen versehenen neuen Albums "Man Alive!"(XL Recordings) wieder darlegt, ist der Brückenschlag, die Mischform und das Hybrid unter besonderer Berücksichtigung der Eigentümlichkeit und des Eigensinns aber seine bevorzugte Spielform. Im Alter von erst 25 Jahren gibt King Krule nicht nur für Pressefotos den nachdenklichen alten Barhocker aus einer längst versunkenen Zeit. Auch musikalisch wird Sich-Widersprechendes wie die atemlose Aufgeriebenheit spröder Post-Punk- und No-Wave-Produktionen von einst mit zeitlos kontemplativen Jazz-Nachtfahrten verbunden.

Mit Frau und Kind aufs Land

Maschinell tuckernde Drummachines treffen auf behäbige Bässe und wie die Lichter der Stadt durch Glasfassaden im Klangnebel verschwimmende Saxofonmelodien. Dazu passend kann es passieren, dass zwischen verschleppten Trip-Hop-Beats aus der Schule von Tricky und hübschen atmosphärischen Gleitflügen der wie ein nasser Sack in den Seilen hängende Sprechsänger in King Krule doch noch aufwacht und bärbeißig zu bellen beginnt.

Stücke wie "Stoned Again" künden davon, dass Wut, Zorn, Unsicherheit sowie eine gute Portion Teenage Angst nicht nur bei entsprechendem Substanz-Abusus nach wie vor ein Thema dieser gut und gerne sozialrealistisch und betongrau gefärbten Lieder sind - beziehungsweise es zumindest zum Entstehungszeitpunkt noch waren. Schließlich befinden sich spätere Dokumente wie "(Don’t Let The Dragon) Draag On" über Depressionen und ihre Überwindung und Titel wie "Airport Antenatal Airplane" doch deutlich näher am Status quo des Musikers, der im Vorjahr erstmals Vater geworden ist und jetzt mit Frau und Kind auf dem Land wohnt.

Nach knapp 42 Minuten dieser prächtigen Nachtmusik muss man sich aber keine allzu großen Sorgen machen, dass das nächste Album naturidyllisch oder gar frohgemut ausfallen könnte. Für Altersmilde ist King Krule noch entschieden zu jung. Und für den Rest sorgt der Bürgermeister.