In seiner - wie soll man’s eigentlich nennen? - "zweiten Existenz" ist Dan Snaith Mathematiker. Genau so, könnte man spötteln, sieht er auch aus: Schütter behaart; mit klarem Blick und ebenmäßigen Gesichtszügen ohne sichtbare Spuren der branchentypischen Ausschweifungen der Popmusikgewerbler, deren Snaith als Kopf des Projekts Caribou bekanntermaßen ja auch einer ist.

Aber so einfach ist die Sache nicht: Der 41-jährige gebürtige Kanadier und langjährige Wahl-Londoner versteht, wie er die "Wiener Zeitung" vor fünfeinhalb Jahren anlässlich des letzten Caribou-Albums, "Our Love", wissen ließ, Mathematik nicht als System der Formeln, sondern als eine kreative und intuitive Disziplin, die auf fortgeschrittenem Niveau der Kunst und Philosophie viel näher sei als den Wissenschaften. "Mathematik ist musikalischer, als Musik mathematisch ist", brachte er das unproportionale Verhältnis seiner beiden Metiers damals griffig auf den Punkt.

Snaiths Musik unter dem Alias Caribou klingt jedenfalls, um zumindest eine gemeinhin als "mathematisch" konnotierte Eigenschaft aufzugreifen, präzise. Das muss sie auch sein, weil sie stark perkussiv orientiert ist und davon lebt, Dynamiken über den fein nuancierten Dialog von Rhythmus und Elektronik zuzuspitzen. Da würde ein falscher Takt hier und ein schiefer Ton dort nur komisch klingen.

Bei all ihrer kühlen Distanz, die Snaiths zurückhaltender Gesang nicht wirklich überbrücken kann/will, lodert in dieser Musik doch Feuer. Das manifestiert sich vor allem in den mitreißenden Live-Shows, bei denen Snaiths Studio-Vehikel Caribou zu einer echten, vierköpfigen, vitalen Band wird. Auf Platte kam das bisher am stärksten auf dem Album "Swim" von 2010 heraus, das, so dicht und konzentriert, schon aus sich selbst herauszuplatzen schien. Gleichzeitig war es das Durchbruchsalbum, das Caribou zu einem gefragten Festival-Act und, nach heutigen Verhältnissen, soliden Plattenseller machte. "Our Love" war in der Wahl der Stilmittel danach nicht dramatisch anders, aber in der Tonalität etwas introspektiver. Und "Suddenly" driftet nun ein wenig weg.

Nicht viele der zwölf Stücke kommen ungebrochen über die Distanz: So beginnt etwa "You A And I" als fließender Popsong im New-Wave-Design der frühen 80er und schlägt - begleitet von fast grotesk verfremdeten, den traurigen Text um Verlustschmerz nachgerade konterkarierenden Stimmen - einen Haken auf funkiges Terrain, auf dem sich dann ein bombastischer Schlussteil aufbaut. In "Sunny’s Time" fährt ein Hip-Hop-Sample in ein in der Tonhöhe manipuliertes und daher unromantisch auf- und abeierndes Klavier. Darüber hinaus sind mehrere Stücke - zumal für Caribou-Standard - recht kurz geraten, so als habe man sich hastig davonstehlen wollen, ehe etwas schiefgehen konnte.

Verlustschmerztrunken

Das trifft auch auf die Vorab-Single "Home" zu, in der Snaith mit einem Sample des gleichnamigen Songs der New Yorker Soul-Sängerin Gloria Barnes interagiert: Ganze zweieinhalb Minuten dauert das vom originalen R&B-Gitarren-Riff getragene Stück, ehe es sich mit fadenscheinigen Akustik-Gitarren-Genudel auch schon wieder vom Acker macht.

Der Opener, "Sister", eine reuevolle Meditation über männliche Verhaltensweisen mit kurzer gesampelter Gesangseinlage von Dan Snaiths Mutter Carolyn, scheint seiner fragilen, von gedämpftem Piano und verwischten Synthies getragenen Struktur nicht über eine längere Distanz zu trauen. "Filtered Grand Piano" schließlich stellt mit nicht einmal einer Minute Spielzeit seine Existenz selbst in Frage. Natürlich lässt "Suddenly" auch die Alt-Fans nicht darben: "New Jade" fährt, nach verhaltenem Beginn, mit den geliebten Intensitätssteigerungen durch Drum-Gewitter und Aufschichten vieler Lagen Elektronik auf. "Like I Loved You", mit schöner Gitarre von Colin Fisher, Snaiths einzigem Mitstreiter aus Fleisch und Blut bei dieser Produktion, kurvt elegant durch einen dezenten Beat.

Und der abschließende, neuerlich tief verlustschmerztrunkene und von Snaith ergreifend intonierte "Cloud Song" vereint Legionen von Synthesizern mit Fishers Gitarre zu einem würdigen Finale eines reizvoll disparaten Albums; eines Stücks Ab- und (rein musikalischer) Ausschweifung.