Die Kulturgeschichte der Adoleszenz hat uns gelehrt, dass Heranwachsen immer auch mit Selbstfindung zu tun hat. Das bezeugen nicht nur junge Menschen, die sich im öffentlichen Raum rund um Diskonterballungszentren oder Kinos mit Popcornmaschine für alle, die keine Erziehungsberechtigten von Teenagern sind, merkwürdig, also irgendwie weird benehmen. Auch und gerade die Popmusik mit ihren im Regelfall zumindest am Karrierebeginn jungen Protagonisten gibt allfälligen daran interessierten Verhaltenspsychologen mit reichlich Anschauungs-, also Hörmaterial tiefschürfende Einblicke in emotionale Haushalte und seelische Spannungslagen, denen sie selbst längst entwachsen sind.

"I have spoke with the tongue of angels / I have held the hand of a devil / It was warm in the night / I was cold as a stone / But I still haven’t found what I’m looking for." Aber hey, manchmal läuft die Sache mit der (Selbst-)Findung auch ziemlich blöd, und man ist, nach dem Durchschreiten eines irdischen Jammertals der sieben biblischen Plagen über fünf Alben hinweg noch immer nirgendwo angekommen wie Bono und U2 auf ihrem Bestseller "The Joshua Tree" von 1987. Es ist übrigens so, dass mit der Phase der Selbstfindung zwar die Unsicherheit endet, darauf aber ganz schnell die Desillusionierung folgt. Obacht! Gefahr! Das Nichts ist auch eine Antwort. Man muss nur stark genug dafür sein.

Die Tür an die Decke

Aktuell jedenfalls dürfte es keine zweite Band geben, die sich das Thema der Suche nach dem Ich und das mit diesem verbundene Sujet der Zerrissenheit expliziter vorknöpft als das nun von London aus operierende, sehr britisch getaufte Quartett Porridge Radio, dessen Sängerin und Songwriterin einst im trostlosen Regenwetter ihrer Heimatstadt Brighton in nicht minder trostlosen Pubs bei Open-Mic-Abenden auf der Bühne stand, um, wie sie selbst erzählt, vor allem vor alten Männern zu spielen.

Die werden nicht schlecht gestaunt haben, was sie da hören durften. Immerhin künden auch auf dem nun vorliegenden neuen und nach "Rice, Pasta And Other Fillers" von 2016 offiziell zweiten Album der Band mit dem programmatischen Titel "Every Bad" Zeilen wie "Nothing is wrong / Everything’s fine / We’re all okay / All of the time" schwer klausuliert davon, dass gar nichts okay ist - und man gerne ins Meer gehen würde. Das Meer ist die Donau Brightons. Und es ist genug davon da.

Im Regelfall legt es Frontfrau Dana Margolin an der Kreativspitze der zu drei Viertel weiblich besetzten Band aber nicht so verschlüsselt an. Ihre Texte fallen also nicht nur mit der Tür ins Haus, sie sprengen die verdammte Tür lieber gleich durch die Decke. Trivialere Gründe dafür, die in jungen wie in späten Jahren dieselben sind, gibt es aber auch. Sie bestehen im Faktor Zeit und führen dazu, dass der erste auf dem Album gesungene Satz im gleichfalls programmatischen Eröffnungsstück "Born Confused" nicht von ungefähr "I’m bored to death / let’s argue!" lautet.

Geifern im Donnerwetter

So kommt es dann auch, und die Stimmung verfinstert sich wie sonst nur an einem ganz schlechten Tag auf Twitter: "My mum says that I look like a nervous wreck / because I bite my nails right down to the flesh", wobei Margolin stets eine lakonische Pointe im Talon hat, die selbstverständlich keine Pointe ist, sondern nichts als die Wahrheit: "You will like me when you meet me / You might even fall in love."

Dazu passend schwankt auch die Musik erheblich zwischen Zuckerbrot und Peitsche. Gemächlich im Midtempobereich angesiedelter Indierock, mitunter vorsichtig interpunktiert von melodieseligen Folkstreichern, asiatisch angehauchten Dream-Pop-Keyboards und verhaltenem Harmoniegesang, wird zwar auch von lärmenden Gitarrenwänden abgelöst wie im musikalisch näher an PJ Harvey stehenden "Sweet". Bei Stücken wie dem leibhaftigen Exorzismus "Lilac" geht es im Dauercrescendo eines kakofonischen Donnerwetters aber nicht zuletzt darum, die Anstrengung geifernd als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs hörbar zu machen.

Das Publikum leidet bei dieser zwischen Erschöpfungsdepression und Wutanfall errichteten Kunst also immer irgendwie mit - zumindest bis die nächste Spitze folgt. Im Trennungssong "Long", dessen Adressat man keinesfalls sein möchte, heißt es: "You are wasting my time / Somebody had to tell you / And I’m glad it was me."