Der "Bandname" führt auf eine falsche Fährte. Zum einen steht die Unternehmung so ziemlich für das Gegenteil dessen, was man ansonsten mit alteingesessenen Sportreportern verbindet, die amerikanische Frauenteams welcher Sportart auch immer als "U.S. Girls" bezeichnen (das geht gar nicht!). Zum anderen stimmt im Falle des gleichlautenden Musikprojekts bereits auch der Plural nicht: Trotz eines zuletzt erfolgten Ausbaus ihrer kollaborativen Seite handelt es sich bei den U.S. Girls im Wesentlichen um die One-Woman-Show der gebürtigen US-Amerikanerin Meghan Remy, die seit mittlerweile zehn Jahren von ihrer Wahlheimat Toronto aus operiert.

Die Lesbarkeit des nun vorliegenden neuen Albums hat dagegen weniger Tücken. Nicht eine Art schweres Licht wird mit "Heavy Light" hervorgestrichen, sondern ein Antonympaar, das sich dann doch etwas überraschend auf Franz Kafka bezieht ("Ein Glaube wie ein Fallbeil, so schwer, so leicht"). Die 13 darauf gehörten Stücke allerdings sind gar nicht so kafkaesk ausgefallen und stattdessen recht explizit dem Leben als solchem und seinen emotionalen Spannungsrissen geschuldet, die Remy nun verstärkt über den Rückblick auf die Kindheit im Privaten und mit Fokus auf die großen Zusammenhänge im Politischen verortet.

Feministische Erzählstränge

Dass das Private immer auch das Politische ist, wie man spätestens seit der zweiten Frauenbewegung der 1970er Jahre weiß, formulierte Remy in den feministischen Erzählsträngen ihres Songwritings ohnehin schon immer aus. Nicht nur Songs und Textzeilen hinter "That woman’s work is never done", "Velvet 4 Sale" oder der Rachefantasie "Pearly Gates" künden davon. Mit "Why do I lose my voice when I have something to say?" wurde außerdem ein Sachverhalt adressiert, dem man zuletzt so ähnlich auch in Sabine Derflingers Film "Die Dohnal" wiederbegegnen durfte. "Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen", hieß es darin etwa aus dem Mund der definitiv nicht für den Verlust ihrer Stimme bekannten ehemaligen österreichischen Frauenministerin. Abseits der Frauenpolitik und auf die "Kunst des Möglichen" in ihrer Gesamtheit bezogen, lieferte Remy im Song "M.A.H." ("Mad As Hell") wiederum eine, vorsichtig ausgedrückt, kritische Bestandsaufnahme der Präsidentschaften Barack Obamas.

Eingebettet in eine schwer fassbare musikalische Mischung, die den Girl-Group-Sound der 1960er Jahre mit dem Bubblegum-Gesang der frühen Madonna ebenso verbinden konnte wie mit der großen amerikanischen Erzählung Bruce Springsteens, wurde mit reichlich Glam und Glitter nicht zuletzt auch bei Blondie um die New-Wave-Ikone Debbie Harry angedockt. Und auf "Heavy Light" geht es jetzt darum, die mit dem Vorgängeralbum "In A Poem Unlimited" vor zwei Jahren eingeschlagene Hinwendung zum Soul zu vollstrecken.

Spitze Feder

Gleich der Auftakt des auch deshalb live und mit einer 20-köpfigen Mannschaft im Sinne der großen Geste eingespielten Albums gerät diesbezüglich zum Höhepunkt: Das als Soulpop unter Vintagevorzeichen mit perkussionistischem Groove, Backgroundchor und Discostreichern zum Tanz ladende "4 American Dollars" demonstriert sämtliche Kernkompetenzen einer großartigen Songwriterin - und kommt als getanzte Kapitalismuskritik in einer Form daher, die auf R&B- und Funk-Basis mit "Overtime" inhaltlich auch vom Folgestück aufgenommen wird. Schuften bis zur Bahre ist möglich - nur was macht die Zeit auf dem Weg dorthin mit und aus uns?

Sozialrealistische, nahe am Boss gehaltene Titel hegen hier einen Verdacht: "Born To Lose" verbindet eine Flusskreuzfahrt von Nick Cave und seinen Bad Seeds durch den Mythendschungel des US-Südens mit einer Extraportion Patti Smith. Und dazwischen setzt es Sprechstücke mit Therapie-Hintergrund, die im Rückblick an das Heranwachsen noch Trost spenden ("Advice To Teenage Self") oder alte Wunden aufreißen werden ("The Most Hurtful Thing").

Eine Art Bolero-Technik interveniert bei "Denise, Don’t Wait" vielleicht auch deshalb unter Zuhilfenahme einer Fahrradglocke mit Arrangement-Witz. Die Lage ist ernst genug. Damit sie nicht hoffnungslos bleibt, rücken die U.S. Girls aber auf jeden Fall wieder mit spitzer Feder aus: "It’s a man’s world / we just breed here."