Ich hätte tief in deine Augen gesehen. Mich darin verloren. Bei der Textstelle "You're beautiful, You're beautiful, You're beautiful, it's true", ja da hätten wir uns umarmt und geküsst. Um uns herum, wäre alles egal gewesen und die lästigen Lichter der in die Höhe gehaltenen Mobiltelefone hätten das glückselige Strahlen in unseren Gesichtern nur verstärkt. Und bis zum aufbrausenden Applaus am Ende des Stückes hätten unsere Lippen innig versucht, unserem Gehirn verständlich zu machen, dass dies nun für uns ein geschichtsträchtiger Moment wäre, den man abspeichern sollte. Dann hätten wir ein Foto aufgenommen und wären wippend und engumschlungen in der Menge aufgegangen.

Aber so bin ich alleine mit meinem Smartphone zuhause gesessen. Die Getränke waren billiger und besser. Die Atmosphäre war, nun ja, dem Aufräumenthusiasmus in Zeiten von Corona angepasst, besser als in der Arena um 3 Uhr früh, aber nicht mit der Elbphilharmonie vergleichbar. Kein Anstellen am WC. Man hat auch nichts vom Konzert verpasst, weil das Handy einfach mit war. Man kann nebenbei halt auch nicht gut telefonieren. Aber immerhin Internetsurfen. Keine Besoffenen, die Lieder falsch mitsingen und Bierbecher in der Gegend herumwerfen. Nicht wieder genau der 2-Meter-Mann genau in der Blickachse. Und der Ärger über teure Karten mit schlechter Sicht. Ganz im Gegenteil, die Augen von James Blunt waren ganz nah. So nah wie nie. Man möchte über das Display streicheln um diesen innigen Moment mit dem Künstler ganz nah zu erleben.

Wie die Mondlandung, nur in Farbe

Auch die allgegenwärtige Werbung für das Mobilfunkunternehmen war ganz nah. Mindestens so groß am Display wie der Rest. Im Vollbildmodus nicht, dafür war die Verbindung schlecht und die Übertragung damit nicht ruckelfrei. Liegt aber an der eigenen Internetverbindung. Aber man war dabei. Es wurde Geschichte geschrieben. Als erster Musiker überhaupt spielte der 46-jährige Brite im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie ein Konzert ohne Publikum.

Wow. Faszinierend. Wir alle waren dabei, irgendwie. Eigentlich weiß ich nicht, wer dabei war. Keine Ahnung, wer virtuell neben mir war. Aber wir waren dabei, Es war eine Erfahrung wie die Mondlandung, nur in Farbe. Nein, doch nicht. War wie ein Konzertmitschnitt ohne Klatschen.

"Normalerweise holen beim nächsten Song alle ihre Handys raus und erzeugen ein Lichtermeer", meinte James. Andere Künstler wären froh: endlich keine Displays vor den Gesichtern der Zuseher. In Zeiten der rauchfreien Konzerte habe ich andächtig das Feuerzeug im Wohnzimmer hochgehalten. War eine Erfahrung, sah halt niemand. "Blunt ist allein, aber nicht einsam. Und hat sichtlich Spaß: Schweißnass und strahlend schickt er immer wieder ein ,Dankeschön' raus in die Welt. Am Ende des gut anderthalbstündigen Auftritts applaudieren er und seine Band sich selbst", heißt es dann am nächsten Tag. Ja eh, wer hätte denn applaudieren sollen. Ich habe mein Smartphone angeklatscht. Bringt nichts.

"Solche Konzerte dürften das Modell der Zukunft sein - definitiv aber für die nächsten Monate, wenn das Virus das öffentliche Leben beeinträchtigt", sagt Blunt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg.

Die Zukunft der Konzerte

Also gut, wenn das die Zukunft der Konzerte sein soll…James Blunt war absolut ok, keine Frage. Wunderbar. Alles gut. Aber am Ende hätte man gerne geküsst, man hätte sich gerne über den Mann oder die Frau in der Sichtachse geärgert, man hätte eine heisere Stimme und Dröhnen in den Ohren gewollt. Die Bierdusche geht zuhause, man hat es dann auch nicht so weit ins Badezimmer. Und man kann auch gleich direkt umschalten – auf Netflix oder zur Corona-Berichterstattung.

Besser so als ganz ohne Konzerte? Es erhält Arbeitsplätze. Weniger bekannte Gruppen können nun als Live-Streams reüssieren. Wer weiß, was noch passiert in den nächsten Tagen. Wie lange die 99-Personen-Partys und Gästelisten-Veranstaltungen weiterlaufen. Dann wäre man froh, wenn es außer Krankheit ein tröstendes Bisschen Live-Performance gibt. Bald kommen dann die 3D-Konzerte mit Brille wieder zurück. Alles da, hat alles nicht funktioniert. Aber jetzt scheint die Zeit reif. Schade irgendwie.

Wenn jemand fragt, wo warst du, damals vor 20 Jahren als James Blunt alleine in der Elbphilharmonie aufgetreten ist, kann man den Nachkommen mit stolz geschwellter Brust und einer kleinen Träne im Auge sagen – alleine, am Handy und in Unterhose am Sofa.