Einer wie Lee Ranaldo reist stets mit schwerem Rucksack. Die Bürde, die er zu tragen hat, ist die Vergangenheit. Aber auch das Bild des Reisens passt gut zu ihm: Ranaldo, 64, ist ein künstlerischer Forscher in eher lückenhaft erschlossenen Bereichen von Musik, Literatur, bildender und visueller Kunst.

Er hat Kunst- und Videoinstallationen ausgestellt und unzählige Bücher mit Gedichten und Kurzgeschichten veröffentlicht. Vor allem aber war Lee Ranaldo Mitglied bei Sonic Youth. Der Band, die Pop mit der seinerzeit als schwer verträglich empfundenen Schule des Gitarren-Avantgardisten Glenn Branca bekannt gemacht hat.

Zwar trat Ranaldo in dem New Yorker Quartett seltener als seine Mitstreiter Thurston Moore und Kim Gordon als Komponist und Sänger in Erscheinung, aber seine Beiträge hatten fast immer Gewicht: "Eric’s Trip" und "Hey Joni" auf dem Doppelalbum "Daydream Nation" von 1988 oder "Mote", der beste Song auf "Goo" von 1990, mit dem sich Sonic Youth als Ikonen der dazumal starken Alternative-Rock-Kultur etablierten. In deren Bereich bildete Ranaldo mit Moore denn auch das vermutlich wirkungsmächtigste Gitarren-Duo mit wilden Läufen, die in unterschiedliche Richtungen ausschwärmen, Intensität aufbauen und an einem fernen Punkt mit eruptiver Wucht wieder zusammenfinden. 2012 wurden beide vom Magazin "Spin" mit dem Titel "Bester Gitarrist aller Zeiten" ausgezeichnet.

Wilde Läufe

Ein Jahr davor waren Sonic Youth nach dem Bruch der Ehe zwischen Moore und Gordon ruhend gestellt worden. Ranaldo hat seither wieder stärker seine experimentelle Ader animiert - eine Platte wie die ziemlich mainstreamige Rock-LP "Between The Times And The Tides" von 2012 ist da nur die sprichwörtliche Ausnahme, die die Regel bestätigt. 2017 unternahm Ranaldo mit der LP "Electric Trim" eine interessante Exkursion in die Bereiche orientalischer Musik. Mit ihm gemeinsam an den Reglern agierte dabei der gleichfalls auf die Gitarre spezialisierte spanische Musiker, Komponist und Produzent Raül Refree, der in den 90er Jahren im Hardcore-Rock-Bereich angefangen und sich später auf Neudeutungen von Flamenco kapriziert hat. Seine Produktion des Albums "Los ángeles" verhalf im Jahr 2017 der Sängerin Rosalía zum Durchbruch.

2020 steht Refree bei einer neuerlichen Kooperation mit Ranaldo nicht mehr nur in den Credits, sondern gleichberechtigt auf dem Frontcover. Direkt hörbar ist sein Einfluss allerdings nur in vereinzelten Passagen an der Flamenco-Gitarre. Und natürlich in der Produktion, für die so ziemlich alles umgestellt wurde, was bisher Ranaldos Umfeld ausmachte. Marimba, Vibrafon, Synthesizer, Samples und - naturgemäß bisweilen unsauber klingende - Sounds aus vorsintflutlichen Aufnahmegeräten bestimmen das Klangbild.

Kurzeinsätze

Wo da noch Platz frei ist, platziert Ranaldo seine Gitarre für Kurzeinsätze. Auf diesem Fundament beginnt der Musiker seinen Erzählfluss: "One more road to nowhere that never ends" eröffnet bei "Alice etc." einen Trip zu "things that have no name" und "things you want to change". Aus dem Fluss der Bilder - drei Texte stammen vom US-Autor Jonathan Lethem - erheben sich dann aber wunderschöne Melodien, die auf eigentümliche Weise Beruhigung und Versöhnlichkeit vermitteln, als sei schon die Irritation von Hörgewohnheiten
eine gefährliche Sache.

Eine schöne Geschichte rankt sich um den LP-Titel "Names of North End Women": In einem Viertel im kanadischen Winnipeg waren alle Straßennamen nach Frauen bekannt. Nicht mit ganzem Namen wie in der Seestadt Aspern, sondern nur nach Vornamen. Diese Namen bekamen für Ranaldo etwas Stellvertreterhaftes - Chiffren für die Anonymen, Marginalisierten in unseren Gesellschaften. Für den Titelsong des Albums wurde übrigens ein Video gedreht, das auf dem Film "Outer Space" des österreichischen Regisseurs Peter Tscherkassky basiert.