Extremzone Gefühlshaushalt: Sigrid Horn. - © Magdalena Blaszczuk
Extremzone Gefühlshaushalt: Sigrid Horn. - © Magdalena Blaszczuk

Zu den größten Verdiensten von Kreativschaffenden gehört es auch im Jahr 2020, in bester Stellvertretermanier dorthin zu gehen, wo kein Otto Normalverbraucher je hingehen würde. Die Rede ist allerdings nicht unbedingt von einer Nacktperformance am Polarkreis als kritische Intervention in Zeiten des Klimawandels oder von Soundinstallationen unter Zuhilfenahme von 13 Ameisenbären im hintersten Regenwald. Nein. Für den durchschnittlich sicherheitsbedürftigen und um die nötige Alltagsroutine bemühten Arbeitnehmer kann es sich bei so einem Ausflug in die gefährlichen Randzonen unserer Existenz bereits um eine Begegnung mit dem eigenen Gefühlshaushalt handeln. Ist so.

"I hurt myself today / to see if I still feel . . .": Die alte Textzeile von Trent Reznor und seinen Nine Inch Nails, später kanonisiert durch eine Coverversion des morschen Johnny Cash, beweist es ja schon, dass zwischen dem Sich-Spüren und etwaigen Verletzungen ein gewaltiger Zusammenhang besteht, wie man ihn nicht nur in der Sadomasoszene kennt. Was mitunter auch dazu führt, dass man als Normalo gleich vorsorglich abstumpft - und lieber in ein Album hineinhört, auf dem die anderen, sprich unsere lieben Künstler freiwillig leiden. Gute Schwingungen sind okay, leider aber gibt es da draußen immer auch sehr viele negative Gefühle.

In der heimischen Songwriterszene etwa dürfte es aktuell keine zweite Person geben, die stellvertretend für uns in emotional intensivere Zonen vordringt als Sigrid Horn. Sagen wir so, beim Haushalten mit dem Gefühlshaushalt ist die 1990 geborene Sängerin eher nicht so effizient. Zittern, beben und bersten - und den Finger noch ganz schnell auf die Wunde gelegt: Sigrid Horn sorgt dafür, dass ihr Publikum zumindest so lange gegen den Knödel im Hals ankämpft, bis es sich schließlich doch noch verstohlen eine Träne aus den Augen wischt. Immerhin wird hier recht überzeugend das Verlangen der Kundschaft nach dem Echten und echt Erlebten, also dem sogenannten Authentischen bedient.

Dunkelgraue Lieder

Wie man auf dem nun vorliegenden zweiten Album "I bleib do" (Bader Molden Recordings) zumindest anhand der Singleauskopplung "Radl" überprüfen kann, geht das in Sachen Akkordabfolge, Storytelling und Pathos, großes Pathos auch auf klassischem Bruce-Springsteen-Terrain - nur dass der Boss hier eine Frau ist und die Geschichte nicht zwischen New Jersey und Nebraska, sondern im hiesigen Dialekt mit markant gerolltem "R" in der Mostviertler Pampa spielt. Sigrid Horn kombiniert die Liebesgeschichte ihrer Großeltern anlässlich deren Diamantener Hochzeit mit einer sozialdemokratisch gefärbten (Zeit-)Geschichte des Aufstiegs - und des Zusammenhalts. Großes Liedermacherkino mit glasigen Augen, das auf Trost und Erbauung setzt: "Und i was ned, wos nu kumt und wos nu ois bassiad / Owa zu zweit weama des ummibiagn."

Nach einer Vorkarriere mit dem "Mundart-Chanson-Punk" ihrer Band Wosisig wird damit der vor zwei Jahren unter Patronanz von Ernst Molden eingeschlagene Weg des Solodebüts "Sog i bin weg" konsequent weiterverfolgt, auf den 2019 noch der Sieg des Protestsongcontests mit dem Song "Baun" folgte, Sigrid Horns musikalischer Kurzkritik am errichtenden Gewerbe: Akustisch gehalten und zurückgenommen mit vor allem Ukulele, Harfe und Klavier arrangiert, geht es mit den zehn neuen Songs zwischen Folk-Blues-Traditionen ("Heiti") und einer Andeutung von Kammermusik mit Blue Notes ("Ripm") bisweilen auch etwas erschöpfungsdepressiv und gut durchgebeutelt hinab in die Gefilde der dunkelgrauen Lieder.

Sigrid Horn versteht sich also nicht nur gut auf an die Selbstheilungskräfte appellierende Zeilen ("I sing, weil i hoff, daas I daun aussakum / I sing, weil I hoff, so wead I wida gsund"). Bei Stücken wie "Aans" regiert schlicht auch nichts weniger als die gute alte, wienerstädtisch-morbide Sehnsucht nach dem Zentralfriedhof und olle seine Toten, die dann auch den abgestumpften Stellvertretenen mitten ins Herz treffen sollte: "I wü aans wern mit dia / du grös Liacht / I wü aans wern mit dia / I wü aans wern mit dia / Du modrigs Huiz / I wü aans wern mit dia . . ."