"Wiener Zeitung": Am 17. Mai startet die Jubiläumstour der Fantastischen Vier in Bonn. Was darf man sich da zum 30er erwarten als Fan, der in den 90ern mit euch großgeworden ist?

Die Fantastischen Vier (Smudo, And.Ypsilon, Thomas D und Michi Beck) gehen auf 30-Jahre-Tour. - © Mumpi Künster/Monsterpics
Die Fantastischen Vier (Smudo, And.Ypsilon, Thomas D und Michi Beck) gehen auf 30-Jahre-Tour. - © Mumpi Künster/Monsterpics

Michi Beck: Wir machen gerade die Setlist fertig. Es wird hauptsächlich eine Werkschau über unser ganzes Schaffen. Wir waren ja voriges Jahr auf "Captain Fantastic"-Tour, da stand das jüngste Album natürlich im Zentrum. Ältere Stücke fallen einem aber schwerer zu spielen, weil vieles gar nicht mehr zu einem passt, sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Manche Sachen sind auch ein bisschen aus der Zeit gefallen.

Thomas D singt in Zeiten von MeToo wohl besser nicht mehr: "Ich bin der Thomas, ich mach die Mütter meiner Mädels gerne jung zu Omas . . ."

"Ich habe eigentlich schon vor 20 Jahren gesagt, dass ich zu alt für diesen Scheiß bin", meint Michi Beck (52) lachend. - © Mumpi Künster/Monsterpics
"Ich habe eigentlich schon vor 20 Jahren gesagt, dass ich zu alt für diesen Scheiß bin", meint Michi Beck (52) lachend. - © Mumpi Künster/Monsterpics

Ja, sowas scheidet dann aus (lacht). Vieles kann man heute nicht mehr machen, es ist einfach albern und passt überhaupt nicht mehr zu uns. Aber auf der anderen Seite ist es halt auch ein Teil unseres Werks, und wir wollen auch alle Platten spielen, aber schon die erste, "Jetzt geht’s ab", ist da schwierig und erst recht "Vier gewinnt". Die Platte war damals Fluch und Segen für uns, vor allem der Song "Die da". Einerseits hat es uns den Sprung in die Kommerzialität ermöglicht, andererseits haben wir uns dabei entfernt von dem, wo wir herkamen. Da hatten wir auch intern unsere liebe Not damit.

Da seid ihr auch in einer gewissen Schublade gelandet.

Genau. Wir waren immer nur "Die da" - und wir haben es auch lange Zeit untereinander als eine Art Schimpfwort benutzt. Wenn in einem Satz einmal zufällig "Die da" vorkam, setzte es virtuelle Backpfeifen. Wir haben den Song ewig lange nicht gespielt und uns erst vor vier Jahren wieder herangetraut. Der zeitliche Abstand hat gutgetan, weil der Song jetzt so alt ist und ein Klassiker, dass wir heute einen entspannteren Umgang damit haben. Aber manche Texte wie "Thomas und die Frauen" gehen einfach nicht mehr so ganz. Trotzdem werden wir auch von "Jetzt geht’s ab" einiges spielen.

"Dicker Pulli" aus dem Jahr 1992 funktioniert jedenfalls heute noch. Apropos: Da kommt euer Manager Andreas "Bär" Läsker vor, der euch seit 1989 bis heute betreut. Das ist schon eine erstaunliche Nibelungentreue.

Ja, das ist Wahnsinn. Auch für eine Band ist es ungewöhnlich, dass die Gründungsmitglieder nach 30 Jahren immer noch dieselben sind.

Seid ihr noch als Band zusammen, weil ihr das Geld braucht oder weil es wirklich immer noch so viel Spaß macht? Ist man nicht irgendwann einmal zu alt für Hiphop?

Ich habe eigentlich schon vor 20 Jahren gesagt, dass ich zu alt für diesen Scheiß bin (lacht). Die Jungs ziehen mich immer damit auf, dass ich schon mit Mitte 20 gemeint habe, dass ich mit 30 nicht mehr auf der Bühne stehen würde. Jetzt bin ich 52 und werde bei der Jubiläumstour noch einmal auf den größten Bühnen unserer Karriere stehen, weil wir auch in einigen Stadien auftreten. Auch die Wiener Stadthalle ist nicht gerade klein. Insofern war ich schon immer ganz froh, dass die anderen mich eines Besseren belehrt haben. Aber diese Zweifel, ob man aufhören oder weitermachen soll und ob das alles noch was bringt, die trage ich schon gut zwei Drittel meiner Karriere mit mir herum.

Also ist doch ein Ende in Sicht?

Die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwann einmal kommt, wird natürlich immer größer. Das Tempo, in dem wir neue Songs schreiben, mit denen wir auch wirklich zufrieden sind, wird auch immer langsamer. Das ist aber eine normale Entwicklung. Warum wir vier immer noch zusammen Musik machen, liegt auch daran, dass wir zum einen nichts anderes können. Und zum anderen ist es einfach unser Lebensinhalt. Wir können jetzt nicht zum Beispiel ins Immobiliengeschäft gehen, dafür sind wir viel zu schlechte Geschäftsmänner. Was wir richtig gut können, ist gute Texte und Musik schreiben und eine gute Show machen. Und wir sind stolz darauf, dass wir immer noch miteinander funktionieren, und zwar wir vier untereinander und auch gemeinsam mit dem Management. So unterschiedlich wir auch alle sind, ist es doch wie eine Familiensaga, als ob man sich einen Film anschaut, der über zwei Generationen geht. So fühlt es sich immer an, wenn wir uns zum Proben treffen. Es hat so etwas Erhabenes in gewisser Weise. Das treibt uns an. Und natürlich auch das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und immer noch relevant für die Leute zu sein. Das ist natürlich auch gut fürs Ego - und nicht schlecht für den Geldbeutel.

War das mit ein Grund, gemeinsam mit Smudo auch fünf Staffeln "The Voice of Germany" mitzumachen?

Ja, zu Anfang war es für uns das beste Marketing für das damalige Album "Rekord". Und dann hat es uns so viel Spaß gemacht, dass wir immer weitergemacht haben. Beim fünften Mal haben wir dann aber gemerkt: Jetzt wird es langsam ein bisschen ein Abspulen von Argumenten. Es ist schon toll, mit Menschen zusammenzuarbeiten, für die das eine große Chance bedeutet hat, das hat uns berührt. Aber uns ist dabei nichts Neues mehr eingefallen, es hat sich ein bisschen totgelaufen. Der Abschied von "The Voice" war auch gut, weil dann wieder mehr Zeit und Energie für die Band da war.

Was kann ein Learning-by-doing-Hiphopper jungen Künstlern mitgeben? Habt ihr da Typen ausgewählt, die in genau euer Genre gepasst haben?

Wir haben immer das Außergewöhnliche gesucht. Das hat die letzten drei Male dann aber nicht mehr so gepasst, als es ums Gewinnen ging. Wir stehen auf Typen, auf Characters - ich denke, dass im Showbusiness Eigenständigkeit viel wichtiger ist als eine schöne Stimme. Die letzten Staffeln haben ausgezeichnete Sänger gewonnen, aber bewegt hat da auch niemand mehr etwas. Nicht, dass unsere beiden Gewinner allzu viel bewegt hätten. Aber was uns immer bei der Show fasziniert hat, waren die Typen, die für eine eigene Art Sound stehen. Wir hatten auch selbst von 1996 bis Anfang der 2000er Jahre mit Four Music unsere eigene Plattenfirma, mit der wir nicht nur Rap, sondern alle möglichen Genres rausgebracht haben. Schon da hat uns fasziniert, was Leute aus sich rausholen können. Das haben wir auch bei "The Voice" zu fördern versucht. Das Gesangstraining hat eh jemand anderer gemacht, wir können ja selber nicht singen.

Ihr habt den deutschen Sprechgesang stark mitgeprägt. Wie fällt da deine Bilanz aus, wenn du dich nach 30 Jahren so umschaust?

Ich finde es wahnsinnig toll, wie das immer größer geworden ist. Seit wir Ende der 80er angefangen haben, ist Rap in seinen ganzen Spielarten zu so einem Riesending geworden - ich meine, das ist die bedeutendste Jugendkultur, nicht nur musikalisch, sondern auch vom Gestus und Habitus her. Dass besonders Gangsterrap so en vogue ist, finde ich nachvollziehbar. Wir sind die Daddy-Generation, und man möchte sich ja immer von den Eltern abheben - nur haben die halt auch schon Hiphop gehört. Regeln brechen, rebellieren - wo kannst du das mehr als im Gangsterrap? Der ist von allen Spielarten das Punkrockigste, was es momentan gibt. Von der Schmerztablettenfraktion bis zu den Gangsterrappern geht es darum, zu schockieren und sich gegen die Eltern und die Gesellschaft aufzulehnen.

Aber ist das authentisch? Ist da nicht auch viel reines Poser-Gehabe dabei?

Natürlich ist das Poser-Gehabe. Aber das war es bei uns auch schon, wenn auch viel harmloser und onkeliger. Ich glaube, es ist jetzt auch eine viel taffere Zeit als in den 90ern, musikalisch und jugendkulturell. Ich finde es einfach gut, dass Rap als übergeordnetes Genre immer noch das größte Ding ist und größer denn je, als wir es mit unserem ersten deutschsprachigen Rap-Album geschaffen haben. Ich finde gut, dass es anders ist, ich finde gut, dass es weitergeht und schockiert.

Habt ihr damals zu wenig schockiert?

Ich glaube, wir waren einfach authentisch. Wir hatten eine ziemlich behütete Jugend, haben nie im Park Drogen gedealt. Wir waren einfach verkiffte Mittelstand-Boys, die durch den Standort mit den Ami-Kasernen in Stuttgart sehr früh mit deren Musik in Berührung gekommen sind, auf die wir unsere mittelständische weiße Identität draufgepackt haben, ohne uns zu verstellen. Das war unser Anspruch. Uns wurde auch oft ein bisschen Deutschtümelei vorgeworfen, weil alle unsere Texte, Zitate und Scratches auf Deutsch sind, aber uns hat Deutschland nie gekümmert, sondern es war einfach ein Bemühen, unsere eigene Identität hineinzubringen. Uns war wichtig, dass wir so rüberkommen, wie wir sind. Und ich glaube, dass wir das auf jeder Platte geschafft haben, von "Vier gewinnt" über "Thomas und die Frauen" bis "Captain Fantastic".

Habt ihr euch von Kritikern und Fans auch missverstanden gefühlt?

Ja, vor allem bei "Vier gewinnt". Aber rückblickend verstehe ich die Vorwürfe total. Wir hatten auch intern unsere Kämpfe: Was ist peinlich, was können wir machen? Wir haben auch unserem Manager oft mehr nachgegeben, als wir gefühlt haben. Aber im Endeffekt waren es die richtigen Schritte. Wir sind wohl auch oft richtig gesehen worden, auch wenn wir uns missverstanden gefühlt haben. Aber wir mussten immer wieder etwas hinbiegen und uns beweisen. Deswegen ist auch "Die 4. Dimension" entstanden, mein Lieblingsalbum, weil es die stärkste Energie hat, etwas zu beweisen. Wir wollten unbedingt richtigstellen, dass wir nicht nur diese vier Bonbon-Bieder-Bravo-Jungs sind, und unseren musikalischen Horizont zeigen und erweitern.

Ihr habt ja in euren Liedern auch hin und wieder kleine Gags versteckt, etwa Filmzitate. Der Satz "Aber, aber ich bin doch nur ein einfacher Hausmeister" in "Lass die Sonne rein" zum Beispiel stammt ja aus "Bernard Bianca".

Stimmt. Und in "Es wird Regen geben" haben wir Schlemihl, den Typen aus der "Sesamstraße" zitiert, der immer die Zahlen verkauft hat. Der sagt einmal: "Was wäre, wenn es auf einmal anfinge zu regnen, und keine Regentropfen herabfallen, sondern . . ." Das haben wir abgeschnitten, weil er danach eigentlich sagt: "Himbeerdrops" - und das hätte wohl nicht in die Tiefe des Songs gepasst. Den Satz "Es wird Regen geben" hat übrigens tatsächlich einmal ein Obdachloser zu Thomas gesagt, glaube ich.

Aber woher kommt "Wer ist sie? Sie ist wunderschön . . ." in https://www.youtube.com/watch?v=VUosAGDM8Sg?
" target="_blank" title="Die da">"Die da"?

Das ist Luke Skywalker in "Star Wars Episode 4", als R2D2 Prinzessin Leia projiziert, die um Hilfe bittet. Aber die dazugehörige Original-Hörspielplatte ist weg! Das war die heiligste Fanta-4-Vinyl, von der haben wir die meisten Scratches - und ich finde sie nicht mehr. Falls jemand noch diese Platte daheim hat: Ich zahle Höchstpreise!•